1 Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.
2 Fünf von ihnen aber waren klug und fünf töricht.
3 Die törichten nahmen zwar ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit sich.
4 Die klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen mitsamt ihren Lampen.
5 Als nun der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
6 Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht aus, ihm entgegen!
7 Da erwachten alle jene Jungfrauen und machten ihre Lampen bereit.
8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen erlöschen!
9 Aber die klugen antworteten und sprachen: Nein, es würde nicht reichen für uns und für euch. Geht doch vielmehr hin zu den Händlern und kauft für euch selbst!
10 Während sie aber hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen.
11 Danach kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, tue uns auf!
12 Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht!
13 Darum wacht! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde, in welcher der Sohn des Menschen kommen wird.
Matthäus, Kap. 25
[RB.01_136,14] Mir fällt gerade wieder ein passender Text zur Belegung meiner Meinung ein, und der hat zehn Jungfrauen im Schilde, wovon die Hälfte weise und die Hälfte töricht war. Alle erwarteten ihren Bräutigam. Die weisere Hälfte versah ihre Lampen mit Öl, die törichte Hälfte aber nicht. Als in der Nacht die Kunde kam, dass der Bräutigam kommen werde, wahrscheinlich schon in einer Stunde – da baten die Törichten die Weisen, ihnen etwas Öl in ihre leeren Lampen zu geben. Aber die eisernen Weisen verweigerten solches, wahrscheinlich aus purer christlicher Nächstenliebe? Die Törichten waren dadurch genötigt, zu einem Kaufmann zu gehen und sich dort ums Geld ihre Lampen mit Öl füllen zu lassen. Sie kehren darauf voll guten Willens in das Bräutigam-Erwartungshaus zurück, aber schon war die Haustür verriegelt! Denn der Bräutigam ist bald darauf gekommen, und zwar früher als sie mit vollen Öllampen zurückkamen. Als die Armen ganz harmlos an die Tür pochten und um Einlass baten, donnerte des Bräutigams Stimme ihnen rauh entgegen: ,Hinweg mit euch! Ich habe euch noch nie erkannt und kenne euch nicht!‘
[RB.01_136,15] Diese Sache ist menschlich-ehrlich betrachtet impertinent grob, ungerecht und streng genommen auch unwahr, wenn unter dem Bräutigam die Gottheit zu verstehen ist. Denn wie kann die Gottheit zu jemandem sagen: ,Ich kenne dich nicht!‘ – wo sie andererseits doch wieder lehrt, dass sie sogar alle Haare auf dem Haupte eines Menschen zählt! Aber wer kann der allmächtigen Gottheit Unrecht geben? Sie lässt kalt sein zum Verzweifeln, auch wenn dabei Tausende erfrieren. Und wenn Millionen armer Teufel um Wärme bitten, bleibt es dennoch kalt, so lange die Gottheit ihrer Weisheit zufolge kalt haben will. So läßt sie auch ohne Gnaden die schönsten Saaten durch Fröste und Hagel zerstören, und niemand kann ihr dagegen einen Damm setzen. Ich sage dir, wer sich von der Gottheit abhängig macht, hat das Elend schon in sich. Was hätte denn den fünf törichten Jungfrauen geschehen können, so sie gar nicht zum Bräutigamshaus zurückgekehrt wären? Die Grobheit wenigstens hätten sie sich sicher erspart! Denn da hätten sie dem sonderlich groben Bräutigam keine Gelegenheit geben können, ihnen die Tür vor der Nase zu verriegeln. Und so meine ich, dass wir der Stimme Gottes erst dann ein volles Gehör schenken sollen, wenn wir von ihrem Wohlwollen gegen uns überzeugt sind. Sonst aber bleiben wir, wo wir sind, denn ich traue der allmächtigen Gottheit nicht!“
[RB.01_136,16] Spricht der Franziskaner: „Herr Graf, Sie fassen die Sache allzu behutsam auf! Ich sage, man muss die Worte Gottes nicht so buchstäblich nehmen, da doch die ganze Schrift nur eine bildliche Darstellung der höheren Moral ist, wie sie ein vollkommener Mensch haben soll. Unter dem Lampenöl wird hauptsächlich die wahre Liebe zu Gott verstanden und unter dem Licht der Lampe die aus der Liebe entspringende Weisheit. Die törichten Jungfrauen aber hatten keine Liebe und wollten die Liebe auch den anderen nehmen. Diese aber waren klüger und ließen sich nicht verführen. Sie beschieden die Liebelosen hinaus in die Welt, dass sie sich das Liebeöl dort holen sollten. Und die Lieblosen gingen und holten sich ihre Lampen, oder besser ihre Herzen, voll Weltliebe-(Öl). Als sie mit der Weltliebe in des Bräutigams Haus zurückkehren wollten (in dem wir uns hier nun schon seit geraumer Zeit, wie ich mir’s nicht ohne Grund nunmehr vorstelle, befinden) – oder noch besser: als sie ohne wahre Liebe zu Gott ankamen und Einlass ins Himmelreich verlangten, kann zu ihnen die Gottheit doch kaum etwas anderes gesagt haben als: ,Ich kenne euch nicht mit dieser eurer Liebe, die Ich nie als die Meine bestimmt habe! Gehet also dahin, woher eure Liebe ist!‘ – Sehen Sie, lieber Herr Graf, so verstehe ich diesen und noch manchen anderen Text. Und so verhält sich’s auch. Und so meine ich denn, dass der Herr Graf der Gottheit gar zu viel Härte ansinnen. Setzen wir uns alle darüber hinaus und ergreifen die angebotene Hilfe! Wahrlich, uns kann es nicht so arg ergehen – das sagt mir mein Herz!“
[RB.01_136,17] Spricht ein Nebenstehender aus der Gesellschaft: „Dos glaub ich halt a! Dos Evangeli ist durchaus metaphorisch und muß gut verstanden werden, weil alles ist metaphorisch!“ – Spricht der Graf: „Ich bitte Sie, bemeistern Sie sich gütig Ihres Mundes, sonst wird uns allen übel! War denn unsere Hinrichtung auf der Erde etwa auch metaphorisch oder gar bloß provisorisch? Oder ist Jesus etwa auch metaphorisch ans Kreuz genagelt worden?“ – Spricht der Zurechtgewiesene: „O na, dos wor nit metaphorisch, dos wor wirkli, sonst waren wir nit erlöst!“ – Spricht der Graf: „Schöne Erlösung das, mir hat bis jetzt wenigstens nichts davon geträumt! Besonders diese ägyptische Finsternis und unser vollkommen leerer Magen sind die sprechendsten Beweise für die Erlösung. Wahrlich, diese Erlösung macht sich! – Auf der Erde: Tod am Galgen, und hier: die ewige Finsternis – das sind recht handgreifliche Beweise der großen Erlösung an uns! Gefallen sie euch, meine lieben Freunde?“
[RB.01_136,18] Spricht ein anderer: „Bis jetzt hat es mit der Erlösung noch verflucht schlecht ausgesehen. Aber ich muß andererseits bekennen, dass wir eigentlich noch nie etwas getan haben, was uns der Erlösung hätte teilhaftig machen können. Wenn zuletzt der Galgen nicht eine gute Portion unserer Todsünden hinweg gestreift hat, so sieht es – wenn hier wirklich nach den zehn Geboten vorgegangen wird – hier mit der Erlösung verdammt schlecht aus. Denn von irgendeiner christlichen Tugend war bei uns allen schwerlich je die Rede. Ich wäre daher sehr für die sofortige Annahme des Hilfeantrags, sonst kann es uns noch sehr übel ergehen! Denn wir haben gar nichts, worauf wir uns rechtens stützen könnten als höchstens unsere unbegrenzte Dummheit, und im besten Falle auf die Gnade und Erbarmung Jesu Christi!“
[RB.01_136,19] Spricht der Franziskaner: „Gerade aus meiner Seele gesprochen! So ist es! Gottes Jesu Christi Gnade und Erbarmung – oder wir sind alle des Teufels! Denn wir waren es ja auf der Erde, besonders in der letzten Zeit, und hatten verdammt wenig Mitleid mit dem tausendfachen Elend unserer Mitmenschen. Wir trieben sie wie Kälber vor uns her und stießen sie aufs Schlachtfeld. Und den Feinden ging es verzweifelt schlecht, so sie in unsere Gefangenschaft gerieten. Kurz und gut, so uns jetzt noch Rache belebt gegen die, die ihre Hände an uns gelegt haben – welches Maß von Rache haben wir von den vielen Tausenden zu erwarten, die durch unsere Hände gefallen sind und ebenso gut, manche vielleicht tausendmal bessere Menschen waren als wir!
[RB.01_136,20] Ich meine daher: Vergeben wir von ganzem Herzen allen denen, die uns moralisch und physisch misshandelt und endlich gekreuzigt haben! Denn auch wir wussten Tausenden das Kreuz ganz gehörig an ihr Leben zu schlagen. Was meinen Sie, Herr Graf, habe ich recht oder nicht?“
[RB.01_136,21] Spricht der Graf: „Leider! Aber eben das macht mich fürchten, dass es uns am Ende so ergehen wird wie den fünf törichten Jungfrauen. Wie wir anklopfen, werden wir sogleich den Urteilsspruch vernehmen, und dann gute Nacht auf ewig!“
Robert Blum, Band 1, Kap.136, 14-21
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