Jugend Jesu, Kapitel 131
130. Kapitel – Cyrenius bekennt seine Unwissenheit in geistigen Dingen. Seine Bitte um
Licht. Die Antwort der Engel als ein großes und klares Zeugnis über des Herrn Wesen und
Menschwerdung. Des Kindleins Segen über Cyrenius.
31. Januar 1844
[JJ.01_130,01] Die beiden Jünglinge sprachen darauf nichts weiter; aber der Cyrenius war
durch diese Erklärung zu sehr angestochen worden, als daß er nun ruhen konnte.
[JJ.01_130,02] Als er sich nach einiger Zeit erst wieder gesammelt hatte, da sprach er zu den
beiden Jünglingen:
[JJ.01_130,03] „Hocherhabenste Diener Gottes von Ewigkeit ganz sicher! Eure Erklärung ist
zu wunderbar erhaben und all mein Leben anziehend, als daß ich mich mit dem begnügen
sollte, was ihr mir gesagt und gezeigt habt!
[JJ.01_130,04] Ich erkenne nun wohl vollkommen, daß ich ein aller höheren Weisheit
vollkommen lediger Verstand- und Naturmensch bin, der kaum um eine Spanne weiter sieht,
als er greift.
[JJ.01_130,05] Sollte es aber nicht möglich sein, mir nur ein wenig mehr Einsicht zu
verschaffen?!
[JJ.01_130,06] Ich bitte euch demütigst darum, tut mir solches! Öffnet mir ein in mir sicher
verborgen liegendes tieferes Erkenntnisvermögen,
[JJ.01_130,07] auf daß ich wenigstens das, was ihr mir kundgegeben habt, klarer verstehen
möchte!“
[JJ.01_130,08] Die beiden aber sprachen: „Siehe, du sonst so lieber Freund und Bruder, du
bittest hier um vor der Zeit Unmögliches!
[JJ.01_130,09] Denn solange du noch im Fleische wandelst, magst du nimmer Dinge der
höchsten göttlichen Weisheit begreifen!
[JJ.01_130,10] Denke dir, Gott der Herr, der hier in aller Seiner endlosen und ewigen Fülle in
diesem Kindlein wohnet, hätte zahllose Myriaden der herrlichsten und übergroßen Welten
und Erden, deren endlos kleinsten Teil du zur Nachtzeit als Sternchen am Himmel erschauest,
[JJ.01_130,11] die Er Sich hätte, wie diese Erde, für Seine Menschwerdung erwählen können!
Und dennoch hat Er diese magere Erde erwählt, die doch unter allen zahllosen Weltkörpern
der elendeste und schlechteste ist in jeder Hinsicht genommen!
[JJ.01_130,12] Aber Ihm, dem ewigen Herrn der Unendlichkeit, hat es also wohlgefallen; Er
tat es, wie es vor unseren Augen liegt!
[JJ.01_130,13] Meinst du aber, Er hat dazu etwa unseres Rates bedurft oder etwa unserer
Einwilligung?
[JJ.01_130,14] O siehe, das wäre grundirrig gedacht! – Er tut von Ewigkeit allein, was Er
will, und noch nie ist jemand Sein Ratgeber gewesen!
[JJ.01_130,15] Wer aber kann Ihn fragen und sagen: ,Herr! was tust Du, und warum tust Du
es?‘
[JJ.01_130,16] Er Selbst ist in Sich ewig die höchste Vollendung, die höchste Weisheit, die
größte Liebe und Sanftmut!
[JJ.01_130,17] Er ist in Sich die allein allerhöchste Kraft und Macht; ein Gedanke der
Vernichtung in Seiner Brust, und alles sinkt im schnellsten Augenblicke ins Nichts zurück!
[JJ.01_130,18] Und siehe, dennoch läßt Er Sich hier als ein schwaches Menschenkind auf den
Armen einer schwachen jüdischen Jungfrau locken!
[JJ.01_130,19] Und Er, der zahllose Sonnen, Welten und Wesen endloser Art mit der
belebenden, allerweisest zweckdienlichsten Kost allerreichlichst von Ewigkeit versieht,
sauget hier auf dieser mageren Erde Selbst die schwachen Brüste einer fünfzehnjährigen
Jungfrau!
[JJ.01_130,20] Er als das Grundleben alles Lebens hat Selbst das Kleid des Todes, der Sünde
angezogen und hat Sich verborgen im Fleische und Blute!! –
[JJ.01_130,21] Was sagst denn du dazu? – Wie kommt dir das vor? – Möchtest du darüber
nicht auch eine hellere Beleuchtung haben?!
[JJ.01_130,22] Siehe, sowenig aber du das je in der Tiefe erfassen wirst, ebensowenig kann
dir hier über das Frühreden dieses allerhöchsten Kindes mehr gesagt werden.
[JJ.01_130,23] Liebe Es aber aus allen deinen Kräften in dir, und verrate Es nirgends, so wirst
du auch in dieser Liebe etwas finden, was dir sonst alle Himmel in Ewigkeiten nicht zu
offenbaren vermöchten!“
[JJ.01_130,24] Diese Worte erfüllten den Cyrenius mit einer so ungeheuren Achtung vor dem
Kinde, daß er sogleich vor Demselben niederfiel und weinend sprach: „O Herr! Ich bin ewig
solcher Gnade nicht wert, die ich hier genieße!“
[JJ.01_130,25] Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius, stehe auf, und verrate Mich nicht! Ich
kenne ja dein Herz, und liebe dich, und segne dich; darum erhebe dich!“ – Und der Cyrenius
erhob sich sobald, ganz bebend vor Liebe und Achtung.
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