Lexikonübersicht · Quellen und Abkürzungen
“Das Zerrissene habe ich dir nicht gebracht” bedeutet, das Böse sei ohne seine Schuld bei jenem Guten. Dies erhellt aus der Bezeichnung des Zerrissenen, insofern es den Tod bezeichnet, der von einem anderen verursacht wurde, somit das Böse ohne eigene Schuld. Das Böse, das bei dem Menschen ist, hat mehrfache Grundursachen: Sein erster Ursprung ist aus dem Erbbösen durch fortgesetzte Ableitungen von den Großvätern und Urgroßvätern bis zum Vater, und vom Vater, in dem auf solche Weise das Böse angehäuft ist, bis zu dem Menschen selbst. Der zweite Ursprung ist aus dem tatsächlichen Bösen, das nämlich der Mensch sich selbst durch ein Leben des Bösen erwirbt. Dieses Böse hat der Mensch teils aus Vererbung wie aus einem Ozean des Bösen genommen und zur Tatsache gemacht, teils hat er aus sich mehreres hinzugefügt, woraus das eigene Böse entsteht, das der Mensch sich erwirbt. Aber dieses tatsächliche Böse, das der Mensch zu seinem Eigenen macht, hat auch einen verschiedenen Ursprung. Im allgemeinen einen zweifachen; nämlich den einen, daß er das Böse von anderen aufnimmt ohne seine Schuld, den anderen, daß er es aufnimmt von sich, also mit seiner Schuld. Was der Mensch von anderen aufnimmt ohne seine Schuld, ist das was im Worte bezeichnet wird durch Zerrissenes, was er aber aufnimmt von sich, also mit seiner Schuld, wird im Worte bezeichnet durch Gefallenes (Aas, Kadaver). Damit es jedoch noch deutlicher werde, was das Zerrissene bezeichne, möge Folgendes als Beispiel dienen: Wenn einer, der ein gutes Leben führt, oder aus Wohlwollen dem Nächsten Gutes erzeigt, von einem anderen, der im Bösen ist, sich überreden läßt, daß ein gutes Leben nicht zur Seligkeit beitrage aus dem Grunde, weil alle in Sünden geboren seien, und weil niemand aus sich das Gute wollen und daher auch nicht tun könne, und daß deshalb für ein Heilsmittel gesorgt worden sei, das Glaube genannt werde, und daß man somit durch den Glauben allein ohne ein Leben des Guten selig werden könne, wenn man ihn auch erst in der Todesstunde annehme; wenn ein solcher, der einen guten Lebenswandel führte, sich so überreden läßt, und deshalb sich um das Leben nichts kümmert, sondern es gering schätzt, dann wird er ein Zerrissener genannt, denn das Zerrissene wird gesagt von einem Guten, dem Falsches eingeflößt worden ist, denn dadurch ist das Gute nicht mehr lebendig. Als Beispiel diene auch die Ehe: wenn jemand dieselbe anfangs für himmlisch hält, späterhin aber der eine oder beide, die in der Ehe leben, sich überreden lassen, daß dieselbe nur da sei wegen der Ordnung in der Welt, und wegen der Erziehung und der gesonderten Pflege der Kinder, und wegen der Erbschaften, und außerdem, daß das eheliche Band nichts anders sei, als ein Vertrag, der von beiden mit gegenseitiger Übereinstimmung wieder aufgelöst oder aufgehoben werden könne, und wenn er, nachdem er diese Überzeugung angenommen, nichts Himmlisches über die Ehe denkt, und wenn dadurch Ausschweifung entsteht, dann wird die Ehe von der Art, daß sie ein Zerrissenes genannt wird; so auch bei dem übrigen. <HG 4171>
“Und ich sprach: Gewißlich ist er zerrissen worden” bedeutet die Wahrnehmung, daß es durch Böses und Falsches zugrunde gegangen sei. Dies erhellt aus der Bedeutung von sprechen, sofern es ist Innewerden, wovon öfter; und aus der Bedeutung von zerrissen werden, sofern es ist durch Böses und Falsches zugrunde gehen, nämlich das inwendige Gute, das durch Joseph vorgebildet wird. Daß Zerrissen werden dieses bedeutet, beruht darauf, weil in der geistigen Welt keine andere Zerreißung stattfindet, als des Guten durch Böses und Falsches. Es verhält sich damit wie mit dem Tod und was dem Tod angehört: dieses bedeutet im geistigen Sinn keinen natürlichen Tod, sondern den geistigen Tod, der die Verdammnis ist, denn einen anderen Tod gibt es in der geistigen Welt nicht. Ebenso bedeutet die Zerreißung im geistigen Sinn keine Zerreißung, wie sie durch wilde Tiere geschieht, sondern eine Zerreißung des Guten durch Böses und Falsches. Auch bedeuten die wilden Tiere, die zerreißen: Böses der Begierden und Falsches daher. Dieses wird auch im anderen Leben durch wilde Tiere bezeichnet. Das Gute, das vom Herrn fortwährend beim Menschen einfließt, geht eben nur durch Böses und daher stammendes Falsches, und durch Falsches und daher stammendes Böse zugrunde. Sobald nämlich jenes fortwährend einfließende Gute durch den inwendigen Menschen zum äußeren oder natürlichen Menschen kommt, begegnet ihm das Böse und Falsche, durch welches das Gute wie von wilden Tieren auf verschiedene Weise zerrissen und ausgelöscht wird. Dadurch wird der Einfluß des Guten durch den inwendigen Menschen gehemmt und eingestellt, folglich das inwendigere Gemüt, durch das der Einfluß hindurchgeht, verschlossen, und nur soviel Geistiges durch dasselbe zugelassen, daß der natürliche Mensch vernünfteln und reden kann, aber alsdann bloß aus irdischen, leiblichen und weltlichen Dingen, und zwar gegen das Gute und Wahre oder heuchlerisch und trügerisch diesem gemäß. Allgemein gültiges Gesetz ist es, daß der Einfluß sich richtet nach dem Ausfluß und daß, wenn der Ausfluß gehemmt wird, auch der Einfluß gehemmt wird. Durch den inwendigen Menschen findet der Einfluß des Guten und Wahren vom Himmel statt, durch den äußeren muß der Ausfluß stattfinden, nämlich in das Leben, d.h. bei der Übung der Liebtätigkeit. Wann dieser Ausfluß stattfindet, dann ist ein fortwährender Einfluß vom Herrn, d.h. durch den Himmel vom Herrn vorhanden. Findet aber dieser Ausfluß nicht statt, sondern dagegen im äußeren oder natürlichen Menschen ein Widerstand, d.h. das Böse und Falsche, welches das einfließende Gute zerreißt und auslöscht, so folgt aus dem oben erwähnten allgemeinen Gesetz, daß der Einfluß sich nach dem Ausfluß richtet, mithin daß der Einfluß des Guten sich zurückzieht und so das Inwendige, durch das der Einfluß hindurchgeht, verschlossen wird und die Folge dieser Verschließung ist Unverstand in geistigen Dingen, und zwar ein solcher, daß ein so gearteter Mensch nichts vom ewigen Leben weiß, noch wissen will; und endlich tritt eine solche Unsinnigkeit ein, daß er das Falsche dem Wahren entgegenhält und sagt, jenes sei wahr und dieses falsch, und das Böse dem Guten entgegenhält und jenes zu Gutem und dieses zu Bösem macht; so zerreißt er das Gute ganz und gar.
Im Wort wird hie und da erwähnt das Zerrissene und wird dadurch im eigentlichen Sinn das bezeichnet, was durch Falsches aus Bösem zugrunde geht; was aber durch Böses zugrunde geht, das wird ein Aas genannt. Wenn aber bloß das Zerrissene gesagt wird, dann wird beides bezeichnet, denn das eine schließt die Bedeutung des anderen in sich; anders, wenn das eine gesagt wird mit dem anderen, denn alsdann wird es unterschieden. Weil das Zerrissene im geistigen Sinn dasjenige bezeichnete, was durch Falsches aus Bösem zugrunde gegangen war, darum war es in der vorbildlichen Kirche verboten, irgendein Zerrissenes zu essen; das wäre keineswegs so verboten worden, wenn nicht dieses geistige Böse im Himmel verstanden würde, was würde sonst Böses darin liegen, Fleisch, das von einem wilden Tier zerrissen worden, zu essen. <HG 5828>
“Ist es zerrissen worden” bedeutet die unverschuldete Beschädigung. Dies erhellt aus der Bedeutung des Zerrissenen, sofern es die Beschädigung bezeichnet, die vom Falschen, das vom Bösen kommt, ohne seine Schuld zugefügt wurde. <HG 9171>
Textgrundlage: die bereitgestellte Lexikonausgabe von Franz Kreuzwegerer. Originalquelle als PDF · Seite 436 →
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