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Menschensohn und Gottessohn

Vor der Erschaffung der Welt war Gott, denn er ist von Ewigkeit

Der Mensch Jesus erzählt und offenbart Geheimnisse

(Max Seltmann)

04. Menschensohn und Gottessohn
Johannes erzählt ein Jugenderlebnis mit Jesus

Brüder, als Menschensohn stand er in seiner Entwicklung zum Gottessohn, denn Jesus als Mensch mußte sich ja hindurchringen zu der Reife, die nötig war, um seine Mission als Gottessohn zu erfüllen. Denket ja nicht, daß Jesus als Mensch so hätte wirken und schaffen können, wenn er sich nicht zum Gottessohn durchgerungen hätte. Ich selbst bin in meiner Jugend an ihm irre geworden, da auch ich ihn nicht verstehen und sein Ringen nicht begreifen konnte. Später freilich wurde mir alles klar, und ich habe mich hernach oft gefragt, warum ich Jesus erst so spät begriffen habe. So will ich euch eine kleine Begebenheit schildern, die ich in meiner Jugend mit ihm erlebt habe.

Nach langer Pause war ich wieder mit ihm zusammen gekommen, und mein Herz war traurig, weil ich wie immer ihn nicht verstehen konnte; denn nie war er zu bewegen, einen Sabbat mit seinen Lieben zu verleben. Seine Mutter Maria sagte damals zu mir: ,Johannes, du bist doch der Freund meines Sohnes; sieh doch zu, ob du ihn nicht bewegen kannst, morgen mit uns in die Synagoge zu gehen. Ein alter Bekannter aus Jerusalem ist gerade hier, und dieser soll doch einen guten Eindruck von uns nach Jerusalem mitnehmen’. Ich versprach zu tun, was mir möglich war; aber Jesus ließ mich nicht zu Worte kommen. Er sagte: ,Johannes, denke nicht, daß ich hart oder eigenwillig bin, aber mir liegt nicht daran, daß dieser Priester einen guten Eindruck von uns erhält; er ist längst über mich unterrichtet; aber ich will, daß dieser Freund meiner Mutter morgen zu uns kommt. Ich werde daher um seinetwillen zu Hause bleiben, und du kannst dafür mit in die Synagoge gehen.‘ Darauf ich: ,Jesus, ich werde bei Dir bleiben und den Sabbat wie immer mit dir verleben’! aber Jesus erwiderte: ‚Johannes, diesmal mußt du um meiner Mutter willen mit in die Synagoge gehen. Frage nicht warum: denn du würdest mich wiederum nicht verstehen’. Ich tat seinen Willen. Jesus blieb unsichtbar, und niemand fragte nach ihm.

Mutter Maria war von mir unterrichtet worden. Maria hatte gerade das Abendmahl bereitet, da kam der alte Priester ins Haus. Joseph und Maria waren über seinen Besuch hocherfreut. In diesem Augenblick kam Jesus und begrüßte alle mit freundlichen Blicken und Worten. Da nahm der alte Priester Jesus bei der Hand, sah ihn lange an und sagte: ,Mein Sohn, um deinetwillen habe ich die weite Reise hierher machen müssen. Ich mache dir keine Vorwürfe, denn in deinen Augen sehe ich kein Falsch; aber wie würde ich mich freuen, konnte ich einmal in dein Herz sehen — denn über dich wird viel geredet. Dein Vater ist mein Freund, deine Mutter ist mir wie eine Tochter, und auch deine Brüder kenne ich alle.’ Jesus erwiderte: ,Elias, weil du als ein ehrlicher und treuer Freund in unser Haus gekommen bist, will dch auch zu dir offen sein. Bleibe für heute unser Gast und gib meinen Eltern und Brüdern die Ehre, und du sollst erleben, was du bis jetzt nie erlebt hast.’ Da schauten alle zu Jesus hin, denn es war eine Seltenheit, wenn er einmal so viel redete.

Wir setzten uns zum Abendmahl und nahmen es schweigend ein, bis der Gast gedankt hatte. Da noch einige Mädchen im Hause Josephs lebten, war Jesus immer zurückhaltend, aber an diesem Abend sagte er: ,Vater Joseph, würdest du um deines Freundes willen morgen mit den Brüdern in Nazareth bleiben? Ich hätte gerne über Verschiedenes mit ihm gesprochen und ihm gegeben, wonach ihn hungert. Dieses ist mir heute abend nicht alles möglich.’ Sprach Joseph: , Jesus, du verlangst etwas Außergewöhnliches, aber um Elias’ willen können wir daheimbleiben. Arbeit haben wir noch übergenug, aber sage mir: Müssen denn auch wir bei diesen Unterredungen dabei sein?’ Sprach Jesus: ,Vater Joseph, es würde nichts schaden, wenn alle dabei wären. Ihr alle würdet mich dann besser verstehen lernen.’ Elias sagte: ‚Freunde und Brüder und du mein Sohn Jesus, stürzet meinetwegen nicht die ganze Hausordnung um, es genügt mir, wenn wir heute abend beieinander bleiben.’ Sagte Joseph: ,Mein guter, alter Elias, lange Zeit habe ich dich nicht gesehen, und ich bitte dich: bleibe bis morgen abend bei uns!’ Da leuchteten die Augen Jesu, und er drückte seinem Vater Joseph die Hand.

Dann sagte er: ,Elias, dich bewegt vieles über mich, veranlaßt durch deine Brüder, die dem Tempel den Rücken gekehrt haben, da sie in mir den kommenden Messias vermuten.’ Elias: ,Du hast recht, Jesus, aber wie kannst du denn dieses wissen? Ich wüßte nicht, daß ich zu jemandem davon gesprochen hätte, und die anderen werden sich hüten, darüber zu sprechen. Kein Mensch wird erfahren, wohin sich Barnabas mit seinen Brüdern gewendet hat.’ Sagte Jesus: ,Elias, ich weiß noch mehr: die Brüder sind in Sicherheit, und bald werden sie vom Tempel vergessen sein. Du bliebest deines Alters wegen, möchtest aber auch dem kommenden Messias nichts in den Weg legen; darum bist du hier.’ Sprach Elias: ,Jesus, du hast recht gesagt, und nun frage ich dich: Bist du der ‚kommende Messias, oder sollen wir eines anderen warten? Deine Fähigkeiten beweisen, daß du es sein könntest, aber all das Gerede um dich sagt das Gegenteil. Was soll ich nun glauben?’ ,Nichts von beidem’, erwiderte Jesus, sondern selbst überzeugen sollst du dich, und dabei will ich dir helfen. Es ist wahr, daß in Nazareth, selbst in unserem Hause, große Unzufriedenheit über mich herrscht, aber warum? Weil die Nazarener sich gar nicht die Mühe nehmen, mich wirklich kennenzulernen, und weil meine Eltern und Brüder mich nicht verstehen. Es ist auch wahr, daß oft bei uns der Friede fehlt, doch warum, Elias? Weil Gott der Ewige auf ihre Bitten stumm bleibt und stumm bleiben muß.’

Sprach Elias: ,0 Jesus, welche Sprache führest du; jetzt verstehe ich dich, und doch auch wieder nicht. Jehova soll und muß stumm bleiben? 0 Jesus, das ist hart geredet von dir.’ Sagte Jesus: ,Vater Elias, wenn du schon ein Vorurteil über Mich hast, dann werden wir wenig miteinander verhandeln können, und Gott wird dann wohl auch dir gegenüber schweigen müssen. Ich bitte dich: bleibe sachlich und auf dem Boden der Freiheit! Siehe, ich kenne meine Mission und nehme keine falsche Rücksicht auf meine Mitmenschen, auch auf Eltern und Geschwister nicht, weil ich Gott mehr gehorchen muß, Den ich in mir fühle und erlebe. Würdest du von den dir gesteckten Zielen abgehen, wenn du erkannt hast: sie sollen zur Rettung aller führen?’ Sprach Elias: ,Mein Jesus, im Gegenteil, mit allen Mitteln würde ich das Ziel zu erreichen suchen.’ – ,Gut, mein Elias’, erwiderte Jesus, ,nun wirst du Mich besser verstehen.

Siehe, nicht nur erkannt, sondern eingebrannt ist das Ziel in mir, und keine Macht der Welt könnte es mir je wieder entreißen. Mit jedem Tag wird mir Meine Aufgabe bewußter und klarer die Notwendigkeit, mit keinem Atemzug von den mir gesteckten Zielen abzuweichen. Du fragst dich: Wie soll ich das glauben? Es könnte ja auch nur eine Einbildung sein, in die ich mich hinein verirrte; darum sage ich dir: Sprich dich mit mir aus und verschweige nichts, was gegen mich spricht; und was für mich spricht, werde ich dir schon sagen.’

Warf hier Maria ein: ,Vater Elias, das wird eine lange Geschichte; wollen wir nicht lieber die Ruhe aufsuchen und morgen weiter reden?’ – ,Wie du willst, Maria’, erwiderte Elias, ,aber mir ist alles so wichtig geworden, daß ich an gar keinen Schlaf denke.’ ,Dann gehen wir zur Ruhe. Du kannst ja mit Jesus wach bleiben’, sagte Maria und verabschiedete sich von dem Gast. Auch Joseph und die Brüder verabschiedeten sich; nur ich und einige Schwestern, die im Hause Josephs lebten, blieben.

Nun waren wir mit Jesus allein. Er war betrübt, weil den anderen die Ruhe lieber war als die Aufklärung, aber er sagte: ,Elias, die andern hier kennen mich genau sowenig wie du, und darum werde ich auch keine Grenzen ziehen zwischen mir und euch. Meine Geburt kennst du, von meinen Fähigkeiten weißt du, und das ist auch alles; denn auf Gehörtes kannst du dich nicht verlassen, wenn du die Wahrheit erkennen willst. Du möchtest klar sehen und Beweise dafür haben, ob der Gott, Der in mir das Treibende und Drängende ist, auch wahrhaft Gott ist und ich nicht nur Schemen nachjage. Leider ist es schwer, dir die Beweise zu geben, wenn du mir nicht glauben willst. Beweise aus meinen Fähigkeiten sind hier keine Beweise, da es sich ja um Gott handelt, und wie soll es dir Gott beweisen? Sage du selbst, was Gott dir tun soll!’ – ,Jesus’, sprach Elias, ,ich kann dir nur recht geben, aber wie soll ich von Gott etwas verlangen, das hieße doch Gott versuchen?’ ,Mitnichten, Elias’, erwiderte Jesus, ,es ist dein gutes Recht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, aber warum genügen dir denn die Propheten nicht? Spricht doch Gott heute genau noch so wie einst und wird auch später noch so sprechen!’ ,Jesus, Jesus, du treibst mich in die Enge, da du im Vorteil bist’, entgegnete Elias; aber Jesus sagte: „Nein, Vater Elias, verstehe mich recht: du suchst die Wahrheit, und ich bin die Wahrheit. Weil ich Wahrheit geworden bin, fürchte ich keine Kritik und keine Gegner, da ich keine kenne, nur Unwissende. Du bist noch unwissend; darum ist es meine Aufgabe, dich zu einem Wissenden zu machen, und so höre:

Der in Mir lebende Gottesgeist ist in mir schon übermächtig geworden, und ich ringe unaufhörlich, daß ich ganz eins mit dem ewigen Gottesgeist werde. Von meinem Ringen wissen nur die wenigen, die um mich sind. Unterstützung erhalte ich keine, da ich nicht verstanden werde, und Gott muß mich allein stellen, weil das Werk, das ich vollenden will und muß, nicht aus der Allmacht Gottes gefördert werden darf. Alles muß mein eigenes Werk sein, und ich muß alle die Kräfte aus Meiner Liebe zu Gott und den Menschen, nehmen. Daß aber auch noch der Lebensfeind das Nötige dazu tut, kannst du dir denken. Mit diesen wenigen Worten habe ich dir eigentlich alles gesagt, weil du Gottes Wort kennst und heute aus dem Gotteswort dir vieles entnehmen kannst. Was nützen da den Menschen Beweise? Glauben tun sie doch nicht, sondern denken, ich wirke mit dem Bösen im Bunde.

Nun sage, hast du Mich verstanden?’ Sagte Elias: ,Jesus, wie kann ich das alles verstehen; es ist doch alles so übergewaltig? Wenn ich in deine Augen sehe, so muß ich dir sagen: „Jesus, du bist der kommende Messias, auf den wir warten; soll ich aber deinen Worten glauben, da ist noch etwas anderes da, was noch mächtiger wirkt, nämlich, daß du mit Gott eins werden willst. Wie soll ich das verstehen, daß du so lange ringen willst, bis du mit Gott eins bist, du in GOTT und GOTT in DIR, so willst du doch sagen?’ – ,Ja, das will ich sagen’, war die Antwort, ,und glaubst du wohl, ob dieses möglich sein wird?’ Elias sprach:, Jesus, ich kann nicht nein sagen, weil du Gott entschieden besser kennst als ich, und darum kann ich dich nun verstehen, daß du auf niemanden Rücksicht nehmen kannst, bis du Dein Ziel erreicht hast.’ – ,Elias, ich danke dir, und nun hast du mir die Möglichkeit gegeben, daß ich dir und euch dienen kann; doch müßt ihr versprechen, daß ihr vor jedermann schweiget, bis die Stunde gekommen ist, wo ich auf niemand mehr Rücksicht zu nehmen brauche.’ – Jesus strich uns darauf allen über den Kopf und sagte: ,Nun will ich euch einen Blick in meine Welt tun lassen; ihr seid ganz frei und könnet mich fragen, wenn ihr über etwas nicht im klaren seid.’

Da verschwanden die Wände, und wir befanden uns auf einem hohen Berge. Uns zu Füßen lag eine sehr große Stadt. Mitten hindurch ging ein Fluß, der die Stadt teilte. Die eine Hälfte lag im Tal, die andere stieg an zu einer Hochebene und hatte eine Größe, die unvorstellbar ist. In der Tiefebene bewegten sich zahllos viele Menschen, die Straßen waren voll Wohnungen, und auf den Dächern bot sich dasselbe Bild: überall wimmelte es von Menschen. Bei näherer Betrachtung hatten die Menschen ein erbärmliches Aussehen, abgemagert, vertiert und schmutzig; Kleidung trugen sie fast keine, und aus den Wohnungen rannten allerhand ekelerregende Tiere wie Ratten, Mäuse, Hunde und Katzen, sowie auch Schlangen in großer Zahl. Die Menschen schienen das Ungeziefer gar nicht zu sehen; denn man merkte nicht, daß sie sich fürchteten und mit ihnen in Berührung zu kommen. Was an Arbeit geleistet wurde, war noch nicht zu erkennen, da der Tag erst im Anbruch war, einen Sonnenaufgang konnte man noch nicht gewahren. Jenseits des Stromes waren Straßen angelegt, die nach der Höhe führten, aber leider nicht breit, so daß nur mit Mühe ein Wagen durchfahren konnte. Diese Straßen waren ebenfalls bebaut, und die Bauart war so, daß man glaubte, es sei nur ein einziges großes Gebäude. Auf den Dächern bewegten sich viele Menschen, die alle gut gekleidet waren und auch sehr gut aussahen. Im Gegensatz zu der Tiefe war der Berg hell und von einer Sonne beschienen, die man selbst aber noch nicht sehen konnte. Die Menschen bewegten sich mit einer Lebhaftigkeit, die im Gegensatz zu denen in der Tiefe auffallend war. Noch höher wurde es immer schöner, und allerhand Bäume und Gewächse verschönten das Gesamtbild. Auf der Höhe zeigte sich eine Pracht an den Gebäuden, die überherrlich war. Inmitten überragte ein Tempel oder Schloß alle Bauten. Dieses Gebäude trug als Dach viele Kuppeln, die dem Glänze nach mit Gold gedeckt sein mußten. Ruhig floß der Strom dahin, ein Leben war darauf überhaupt nicht zu sehen; vollständig getrennt waren beide Teile der Stadt. In der Mitte standen sieben Pfeiler, die früher einmal eine Brücke gestützt hatten, die aber nun zerstört war. Jesus sagte: ,Kommet mit Mir, ich will euch führen; zum besseren Verständnis sollt ihr alles selbst beschauen.’

Ich fühlte mich so frei, so losgelöst von allem Irdischen, und doch bewegten wir uns von dem Berge in die Tiefe mit einer Sicherheit und Schnelle, die angenehm war, und wir zogen durch die schmutzige Stadt, Jesus uns voran. Die Menschen schienen gar keine Notiz von uns zu nehmen, wir aber beschauten uns, was auf dem Wege lag. Es war inzwischen Tag geworden, und wir sahen, wie sich die Menschen betätigten mit Handel und Verkehr. Hier und da wurde an den Häusern gebaut, da viele baufällig waren; kurz, es waren beklagenswerte Verhältnisse, die wir sahen. Dazu schrien sich die Menschen an, und nun sah man auch ihre Gesichter, wie sie von Sorge, von Hader und Unzufriedenheit und vom Laster entstellt waren, wahrlich, ein Bild des Elends und der Sünde. Wir kamen dann an den Fluß; seine Wellen gingen ganz gleichmäßig, und dort, wo die Pfeiler standen, wartete ein Boot mit einem Fährmann, der uns einlud. Schnell stiegen wir ein, und als erster stieg am anderen Ufer Jesus aus und reichte jedem beim Aussteigen die Hand; dann ging es die Straßen entlang, die nach oben führten. Welch ein Gegensatz: reinliche Straßen und reinliche Menschen, die uns sahen und freundlich grüßten. Immer höher zog sich die Straße, und es wurde immer lichter um uns, wie auch in uns. Unser freies Sein empfanden wir geradezu als eine Seligkeit, und Jesus schien wie verjüngt zu sein; denn sein Gesicht leuchtete vor Freude und Glück.

Immer weiter gingen wir, und so beschwingt, daß jeder Schritt wieder zu einer Seligkeit wurde. Mit Freude und Staunen sahen wir die herrlichen Gebäude, und dann kamen wir an das Schloß mit den leuchtenden Kuppeln. Wir konnten uns überall umsehen, aber hinein gingen wir nicht; denn an den Türen standen Wächter mit ernsten Gesichtern.

Längere Zeit weilten wir an dem Schloß und in den es umgebenden Gärten und Alleen, die in einer Pracht dastanden, für die ich keine Worte habe. Nun gingen wir weiter und beschauten die Arbeit der Menschen, die auch in ruhiger Weise vonstatten ging. Die Verkaufsläden waren einfach, aber die Verkäufer sauber und reinlich gekleidet, ein Bild, das Frieden atmete. Wir gingen weiter, bis unsere Augen wonnemüde wurden; dann ging es wieder bergab und zurück über den Strom mit demselben Boot. Wir stiegen wieder auf den Berg, aber auf einer anderen Straße, und oben angelangt, hörten wir, wie Jesus sagte: ,Nun mag es genug sein’, und wir befanden uns wieder in der Stube des Hauses Josephs.

Jesus sagte: ,Elias, nun habe ich dir einen Blick gewährt in mein Herz und frage dich: Kannst du dir vorstellen, was ich dir und euch damit sagen will?’ Elias erwiderte: ,Jesus, es war ein schöner Traum — und doch kein Traum; aber erklären kann ich mir dieses nicht.’ Sprach Jesus: ,Elias, du bist ehrlich, aber mein Johannes mag dir das Geschaute erklären, da er schon öfter mit mir derartige Bilder erlebte.’ Er nickte mir zu, und ich sagte: ,Jesus, heute war es überherrlich bis auf die Bilder in der Ebene. Mit deiner Hilfe will ich erklären, was ich in mir finde.

Die Stadt stellt die Menschheit dar. Die in der Tiefe sind die heutigen Menschen und die auf der Höhe die erlösten Menschen. Eine Brücke verband die Stadt, so wie die Menschen noch heute mit den Himmeln in Verbindung stehen. Wer die Brücke zerstört hat, entzieht sich unserer Kenntnis, und du als werdender Gottessohn willst, wenn du wieder mit Gott deine Einswerdung erreicht hast, diese Brücke wiederherstellen. Die sieben Pfeiler stellen die sieben Eigenschaften Gottes dar, und auf diese Eigenschaften gründet sich deine Einswerdung mit dem Gottesgeist, der dann in dir in aller Fülle sein wird. Dann wird diese Brücke wieder das Band sein, das Himmel und Erde verbinden wird, oder anders ausgedrückt: die Menschen können sich dann wieder auf den Wegen nach oben bewegen, die du ihnen wieder gangbar machen wirst. Die Menschen in der Tiefe offenbaren ihren Zustand in ihrem Aussehen und in ihrer Tätigkeit und damit den niedrigen Grad ihres Menschentums. Die Menschen in der Höhe offenbaren eine Zufriedenheit und einen hohen Grad von Menschenliebe; denn auch ich erlebte unter ihnen Wonne und Seligkeit. Hier hast du uns zeigen wollen, wohin du die Menschen wieder führen willst, und darum läßt du dich von niemandem, wer es auch sei, in deinem Vorhaben beeinflussen.’

Sagte Jesus zu meinen Worten: ,Johannes, das ist dir gut gelungen’, und: ,Elias, kannst du mich nun verstehen?’ Sagte Elias: ,Jesus, dich ganz zu verstehen ist mir noch nicht möglich; aber nun verstehe ich Barnabas, daß er mit dem Tempel nichts mehr zu tun haben will, und nun werde ich mich auch vom Tempel lösen. In dir wird der Menschheit der Messias und Erlöser erstehen, aber die Menschen werden es dir noch schwer machen.’ Jesus lächelte und sagte: ,0b schwer oder nicht, das ist nicht von Bedeutung; das Schwere ist nämlich erst einmal die Einung mit Gott, und solange diese nicht gelungen ist, solange gibt es Kampf, Kampf und wieder Kampf; denn was ihr in dieser heiligen Stunde erlebtet, waren Vorgänge in meiner Welt, und dabei habt ihr noch den besseren Teil erlebt. Mag es nun genug sein für heute. Und nun wollen wir uns zur Ruhe begeben, wenigstens dem Leibe nach; für die Seele gibt es keine Ruhe, da muß erst der Geist so lebendig sein, daß Er über sie die Vormacht hat.’

Frühmorgens waren im Hause Josephs alle munter, nur der alte Elias war noch in seiner Kammer; ich aber konnte nicht länger bleiben, da mein Vater die Heimfahrt angeordnet hatte. Freudig nahm ich Abschied. „Nun habe ich euch eine Begebenheit unseres ewigen Vaters und Heilandes geschildert aus der Zeit, da ER noch ein ringender Menschensohn war.“ Sagten die andern: „Bruder Johannes, freilich, wer wie du Jesus erleben durfte, hat uns vieles voraus. Nun ersehen wir auch, wie nötig es ist, daß wir über Jesus, den Heiland und Gottessohn, das rechte Verständnis und die rechte Erkenntnis haben. Nun verstehen wir dich viel besser als Paulus, der immer wieder unbedingten Glauben forderte, während in dir alles nach der Liebe drängt!“

Johannes: „Brüder, die Liebe allein macht unseren Glauben zum wahren Glauben, denn die Liebe schafft Kräfte und einen Opfer- und Überwindergeist, der voller Hingabe ist. Wer in dieser Liebe lebt, der ist von dem Heilandsgeist durchdrungen und wird zum Gottessohn, gleichwie Jesus zum Gottessohn wurde. Darum, Kindlein, liebet euch, liebet, liebet euch; dann ist der Vater unter und in euch, und niemand wird unseren Heiland und Meister Jesus vermissen.

Ziehet nun in Frieden heimwärts, und Seine Liebe wird uns bald wieder vereinen. Seid gesegnet als Seine Kinder und lasset eure Liebe zu einem Segen für die anderen werden! Amen.

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