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Gleichnis vom Wortbrot und Liebetatwein

01] Sagten nun die Jünger: »Herr und Meister, diese Deine Belehrung an uns ist wohl verständlich, aber als Du einmal in Kapernaum, wo Dir so viel Volk aus allen Gegenden um Jerusalem nachgezogen ist, eine ähnliche Lehre von dem Essen Deines Fleisches und vom Trinken Deines Blutes geredet hast, da war das offenbar eine harte Lehre, besonders für jene Menschen, die Dein einfaches und klares Wort nicht also verstanden haben, wie es dem wahren Sinne nach zu verstehen war, darum denn damals Dich auch viele der damaligen Jünger verlassen haben. Wir selbst verstanden das anfangs nicht, nur der Wirt, der niemals ein eigentlicher Jünger von Dir war, hat uns die Sache verdolmetscht, und so wir nun jene Lehre mit dieser vergleichen, so besagt sie dasselbe, was Du nun wohl in höchster und handgreiflicher Klarheit gelehrt hast. Haben wir recht oder nicht?«
  02] Sagte Ich: »Allerdings, denn Brot und Fleisch sind da eines und dasselbe, so wie auch Wein und Blut, und wer da in Meinem Worte das Brot der Himmel ißt und durch das Tun nach dem Worte, also durch die Werke der wahren, alleruneigennützigsten Liebe zu Gott und zum Nächsten den Wein des Lebens trinkt, der ißt auch Mein Fleisch und trinkt Mein Blut. Denn wie das von den Menschen genossene natürliche Brot im Menschen zum Fleische und der getrunkene Wein zum Blute umgestaltet wird, so wird in der Seele des Menschen auch Mein Wortbrot zum Fleische und der Liebetatwein zum Blute umgewandelt.
  03] Wenn Ich aber sage: "Wer da ißt Mein Fleisch", so ist damit schon bedeutet, daß er Mein Wort nicht nur in sein Gedächtnis und in seinen Gehirnverstand, sondern auch zugleich in sein Herz, das da – wie bereits gezeigt – der Magen der Seele ist, aufgenommen hat, und im gleichen auch den Liebetatwein, der dadurch nicht mehr Wein, sondern schon das Blut des Lebens ist; denn das Gedächtnis und der Verstand des Menschen verhalten sich zum Herzen beinahe geradeso, wie der Mund zum natürlichen Magen. Solange das natürliche Brot sich noch unter den Zähnen im Munde befindet, ist es noch kein Fleisch, sondern Brot; wenn es aber zerkaut in den Magen hinabgelassen und dort von den Magensäften durchmengt wird, so ist es seinen feinen Nährteilen nach schon Fleisch, weil dem Fleische ähnlich. Und also ist es auch mit dem Weine oder auch mit dem Wasser, das sicher auch den Weinstoff in sich enthält, da ohne das Wasser, das das Erdreich zur Ernährung aller Pflanzen und Tiere in sich birgt, die Rebe erstürbe. Solange du den Wein im Munde behältst, geht er nicht ins Blut über; aber im Magen wird er gar bald in dasselbe übergehen.
  04] Wer demnach Mein Wort hört und es in seinem Gedächtnisse behält, der hält das Brot im Munde der Seele. Wenn er im Gehirnverstande darüber ernstlich nachzudenken anfängt, da zerkaut er das Brot mit den Zähnen der Seele; denn der Gehirnverstand ist für die Seele das, was die Zähne im Munde für den Leibmenschen sind.
  05] Ist vom Gehirnverstande Mein Brot, also Meine Lehre, zerkaut oder als volle Wahrheit verstanden und angenommen, so muß sie dann auch von der Liebe zur Wahrheit im Herzen aufgenommen werden und durch den festen Willen in die Tat übergehen. Geschieht das, so wird das Wort in das Fleisch und durch den ernstfesten Tatwillen in das Blut der Seele, das da ist Mein Geist in ihr, umgestaltet, ohne das die Seele so tot wäre wie ein Leib ohne das Blut.
  06] Der ernstfeste Tatwille aber gleicht einer guten Verdauungskraft des Leibmagens, durch die der ganze Leib gesund und stark erhalten wird; ist aber die Verdauungskraft des Magens schwach, so ist der ganze Leib schon krank und schwach und siecht selbst bei den besten und reinsten Speisen.
  07] Ingleichen geht es der Seele, in deren Herzen der Wille zur Tat nach der Lehre ein mehr schwacher ist. Sie gelangt nicht zur vollen, gesunden, geistigen Kraft, bleibt so halb hin und halb her, gerät leicht in allerlei Zweifel und Bedenken und fängt bald die eine und bald eine andere Kost zu prüfen an, ob sie ihr nicht besser und stärkender anschlüge. Aber es ist damit der einmal schon schwächlichen Seele dennoch nicht völlig geholfen. "Ja", aber fraget ihr nun in euch, "ist denn einer schwächlichen Seele dann auch nicht mehr völlig zu helfen?" O ja, sage Ich. Wie aber?«

Großes Evangelium des Johannes, Band 9, Kap.73, 1-7

01] (Jesus:) »Höret! So ein Mensch einen schwachen Magen hat, so nimmt er einmal einen euch wohlbekannten Kräutertrank, durch den die schlecht verdauten Speisen auf dem bekannten natürlichen Wege aus dem Magen und den Gedärmen hinweggeschafft werden; die schlecht verdauten Speisen aber gleichen den in der Seele erwachten Bedenken, ob sie dies und jenes wohl völlig glauben und danach tätig sein solle.
  02] Wenn aber der natürlich schwache Magen einmal gereinigt ist, was ist dann zu tun, damit er wieder stark werde und stark bleibe? Der Mensch werde recht tätig und mache dabei in der frischen und reinen Luft eine rechte Bewegung, und der Magen wird dadurch zuerst seine volle und gesunde Kraft wieder erhalten. Und seht, das tue denn auch die Seele! Sie reinige ihr Herz von all den irrtümlichen Lehren, Begriffen und Ideen, nehme die Wahrheit, wie Ich sie euch lehre, liebewillig und vollgläubig auf und werde danach recht tätig und regsam, und sie wird dadurch bald sehr erstarken und auch völlig und unverändert bleibend gesund werden!
  03] Darum sei denn keiner von euch nur Hörer, sondern sogleich auch ein ernstwilliger und emsiger Täter Meines Wortes, so werden dadurch auch ehest alle Bedenken und Zweifel aus seiner Seele entwichen sein.
  04] Wie aber der natürliche Leibesmagen in seinem kräftig gesunden Zustande allerlei reine und im Notfalle auch unreine Speisen in sich aufnehmen kann, ohne einen Schaden zu leiden, weil er durch seine Tätigkeit alles Unreine entweder von sich wegschafft oder ins Reine verkehrt, ebenso tut das auch der kräftige und völlig gesunde Magen der Seele; und es ist demnach dem Reinen alles rein, und selbst der unreinste geistige Pestdunst der Hölle kann in ihm keinen Schaden bewirken.
  05] So ihr denn im Vollbesitze Meines Reiches in euch sein werdet, da werdet ihr über Schlangen und Skorpionen einherwandeln und Gifte aus der Hölle trinken können, und es wird euch das nimmerdar schaden.
  06] So ihr nun das alles wohl begriffen und aufgefaßt habt, so werdet ihr denn nun auch das der vollen und lebendigen Wahrheit nach einsehen, was Ich in Kapernaum unter dem "Mein-Fleisch-essen" und unter dem "Mein-Blut-trinken" von euch verstanden haben wollte, und ihr werdet das hinfort auch sicher keine harte Lehre mehr nennen.
  07] Es sind aber für den puren Menschenverstand die Dinge und gar viele Erscheinungen schon in der sichtbaren Naturwelt grundursächlich schwer dahin zu erklären, auf daß er darauf von allen möglichen, den bösen Aberglauben nährenden Irrtümern frei werde und so den Weg der – Wahrheit wandle; um wie vieles schwerer begreiflich erst sind dann die dem Fleischesauge des Menschen unsichtbaren, himmlisch geistigen Dinge, Kräfte, Wirkungen und Erscheinungen für den puren Gehirnverstand und für die Seele ersichtlich zu machen!
  08] Darum sage Ich euch denn auch allzeit: In alle Weisheit in geistigen, himmlischen Lebensverhältnissen und in deren Kraft und Macht werdet ihr erst dann eingeweiht werden, so ihr auf die Art und Weise, wie Ich sie euch ausführlich klar gezeigt habe, in Meinem Geiste völlig neu geboren sein werdet. Und nun fraget euch selbst, ob ihr das alles auch in der rechten und vollen Wahrheitstiefe verstanden und begriffen habt!«
  09] Sagten die Jünger: »Ja, Herr und Meister, wenn Du also vor uns die Geheimnisse des Reiches Gottes enthüllst, dann sind sie für uns denn auch leicht verständlich; aber so Du Deinen Mund in Gleichnissen auftust, dann ist der Sinn Deiner Worte für uns stets schwer und manchmal gar nicht verständlich. Aber so Du dann die Gleichnisse uns erklärst, da erst sehen wir ein, daß derlei Bilder und Gleichnisse zu geben nur der göttlichen Allweisheit möglich ist. O Herr, wir danken Dir aus dem tiefsten Herzensgrunde für Deine übergroße Geduld mit und für Deine Liebe zu uns! So wir aber als Menschen irgendwann schwach und müde werden sollten auf dem Wege zur wahren Neu- und Wiedergeburt Deines Geistes in uns, dann, o Herr, verlasse uns nicht, sondern stärke uns, und laß uns nimmerdar schwach werden! Und wenn unser Gemüt ängstlich und traurig wird, wenn Du in der Zukunft nicht mehr sichtbar unter uns wandeln wirst, dann komme mit Deiner Gnade und Erbarmung, und tröste uns, und belebe unsere Liebe, unsern Glauben und unser Hoffen und unser Erwarten!«
  10] Sagten der Wirt und sein geheilter Oberknecht: »O Herr und Meister, um das, um was Dich die Jünger gebeten haben, bitten auch wir Dich!«
  11] Sagte Ich: »Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: a Um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden! b Wo aber ist ein Vater unter den Menschen, die doch zumeist eitel böse sind, der einem Kinde, das ihn um ein Stück Brot bittet, einen Stein gäbe, oder einer Tochter, die ihn c um einen Fisch bittet, eine Schlange? {a mt.07,07-08; b mt.07,09; c mt.07,10; lk.11,11}
  12] a So aber schon die Menschen, die wie gesagt eitel böse sind, ihren Kindern gute Gaben erteilen, um wieviel mehr wird der ganz allein übergute Vater im Himmel denen Gutes erweisen, die Ihn liebend und gläubig darum bitten. {a mt.07,11; lk.11,13; jak.01,17}
  13] Darum möget ihr allzeit fröhlichen Herzens und frohen Mutes sein; denn der heilige und übergute Vater wacht allzeit über euch und sorgt um euer Wohl und Seelenheil.
  14] Der Vater aber ist in Mir, wie Ich allzeit und ewig in Ihm bin, und Ich gebe euch die volle Versicherung, daß Ich euch niemals als Waisen belassen werde bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.
  15] Wahrlich sage Ich euch: Wer Mich wahrhaft lieben und Meine Gebote halten wird, zu dem werde Ich kommen und Mich ihm selbst offenbaren, und es wird sich dann ein jeder überzeugen können, daß er sich nicht als Waise in der Welt befindet! Wem Ich Mich aber also offenbaren werde, der behalte das nicht für sich, sondern teile solchen Trost auch seinen Brüdern mit, auf daß auch sie dadurch getröstet und gestärkt werden.
  16] Wer die Schwachen gerne stärkt, die Betrübten tröstet und den Leidenden gerne hilft, der wird in allem dem den zehnfachen Lebenslohn von Mir zu gewärtigen haben. Dessen könnet ihr – allzeit völlig versichert sein!«
  17] Diese Meine Worte machten alle fröhlich und heiter, und der Wirt ließ unsere Becher abermals mit seinem besten Weine füllen, und wir tranken denn auch und unterhielten uns noch bei einer Stunde lang.

Großes Evangelium des Johannes, Band 9, Kap.74, 1-17

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