(Im Geisterreich kommen Gleich und Gleich zusammen und dadurch mangelt es an Mitteln, das Versäumte leicht gutzumachen. Die Folgen des Glaubens ohne Werke der Nächstenliebe. Aufklärung, dass das Blut Jesu Christi die Liebe Jesu bedeutet. Aufklärung, wie es den Römisch-Katholischen im Geisterreich mit dem Beten zu Maria und den Heiligen geht. Die fortwährende starke Abenddämmerung unter ihnen.)
Nach einer kleinen Pause begann er wieder zu reden und sagte: „Brüder, das Leben ist eine fortwährende Täuschung. Getäuscht zu sein von der Wiege bis zum Grabe und getäuscht noch über das Grab hinaus, das ist bitter, das ist kaum zu ertragen. Wir gingen im vollen Glauben einer glücklichen Zukunft in die Ewigkeit, und was trafen wir an? Nichts! Es ist nur eine Fortsetzung desselben Lebens in geistiger Gestalt, das wir auf der Welt fleischlich durchlebten. Es ist alles so, wie es auf der Erde war, aber leider auch wieder nicht so, denn es fehlen uns die Behelfe, das Versäumte und Verfehlte gutzumachen. Hier sind wir alle gleich und keiner hat ein Bedürfnis, dass der Nächste ihm beispringe und helfe, um so ein Werk der Nächstenliebe zu tun. Darin ist hier ein anderes Verhältnis, das wir nicht ändern können. Es herrscht also eine Gerechtigkeit, wo Gleich und Gleich zusammenkommen, dass einer vom anderen nichts braucht. Ja, dort waren wir ungewöhnlich glücklicher als hier. Dort auf der Erde hatten wir eine große Zahl von Armen, Elenden, Bedürftigen am Leibe und Geiste, bei denen man sich durch Werke der Nächstenliebe den Himmel verdienen konnte. Hier fehlt alles das und wir sind rat- und tatlos und nicht wissend, was wir anfangen sollen.
Ja, das ist ein Elend, eine Not sondergleichen. Die Augen sind uns nun geöffnet, aber wir sind wie die Gefangenen, die sich nicht helfen können. Zwar bedrückt uns nichts Irdisches, aber wir haben auch nichts besonderes, was uns erfreuen könnte. Wo ist unser erträumtes Paradies oder Himmel, wo unser vielgeliebter Heiland und Jesus? Von allem dem sehe ich nichts.
Habt ihr nicht gebetet, dass euch Licht werde? Habt ihr nicht unseren vielgeliebten Jesus angerufen, damit wir uns helfen können zu Ihm zu kommen, oder dass Er uns die Gnade der Rechtfertigung vor Ihm gebe? Aber o wehe, was spreche ich von der Rechtfertigung? Was soll die Rechtfertigung sein? Dass wir ein verfehltes Leben führten? Dass wir das Hauptgebot im Gesetze viel zu wenig beachteten, noch weniger erfüllten? Ja, ja, ich sehe die Folgen des Glaubens ohne Werke der Nächstenliebe: wir haben nichts zu zeigen, was wir Gutes auf der Erde gewirkt haben, daher lässt uns unser lieber Jesus in unserem Elend und in qualvoller Unbeholfenheit.
Halt Brüder! Ich sehe noch was anderes. Ich sehe, dass unser Hochzeitskleid nicht rein, sondern voller Flecke ist. Wahrscheinlich ein Lohn unserer Weltlichkeit, unserer Verstandesweisheit?! Wir glaubten, dass wir sündenrein seien, weil Jesus für uns Sein Blut am Kreuze vergossen hat! Nun sehe ich aber, dass unser Kleid nicht im Blute des Lammes hellrein gewaschen, sondern sogar schmutzig ist! Ja, Brüder, was sollen denn diese Worte unseres geliebten Heilandes bedeuten, weil sie nicht erfüllt sind? Hört Brüder! Jetzt fällt mir etwas ein: Im Blute hat noch niemand seine Kleider hellrein und weiß gewaschen, daher muss das Blut Christi ganz etwas anderes bedeuten, als wir darunter zu verstehen vermeinten.“
Auf diese Einwendung schaute die ganze Gemeinde mit fragenden Blicken auf den Redner, der ihnen wie aus den Wolken diese überraschenden Worte zur Erörterung vorlegte. Und es getraute sich niemand ein Wort zu sagen, denn der beliebte Glaubenssatz ,Das Blut Jesu Christi macht uns rein von allen Sünden’ war in ihnen zu fest eingewurzelt, als dass sie sich getraut hätten, daran zu rütteln und zu zweifeln.
Nach langer und banger Erwartung trat ein anderer Redner auf und sprach folgende Worte: „Brüder, Glaubensgenossen! Unser Lehrer hat mich auf eine, wie ich glaube, sehr glückliche Idee gebracht. Ich glaube nämlich, dass im Worte Blut eine geistige Entsprechung für Liebe sei. Was sagt ihr dazu?“
Alle schwiegen, und da der Frager keine Antwort bekam, fing er von neuem an: „Liebe Brüder, es ist eine Tatsache, dass noch niemand im Blute seine Kleider rein und weiß gewaschen hat. Somit muss hier eine andere Bedeutung im Worte liegen, aber welche? Das ist die Aufgabe, auszuforschen; denn davon hängt sicherlich unser Heil, unsere Zukunft, unser Glück ab.“
Nach einer kleinen Gedankensammlung hielt er folgende Ansprache: „Brüder und Freunde! Es hat geheißen, dass unser Gottvater dem Adam einen Retter verheißen hatte, der die Sünde Adams, somit die Erbsünde, nicht aber die Sünden, die wir begehen, auf seine Schultern nehmen und sie tilgen wird. Hier mag das Blut der göttlichen Liebe materiell und geistig gemeint sein. Tatsächlich war es die unbegrenzte Liebe Gottes, welche ihr materielles Blut in Christo für diese Erbsünde, welche auf der ganzen von Adam abstammenden Menschheit lastete, am Kreuze vergoss. Dass aber Jesus auch für unsere jetzigen Sünden sein Blut vergossen hätte, das lesen wir nirgends im Neuen Testament, im Gegenteil, es wird von den Aposteln sogar stark vor dem Sündenmachen gewarnt. Daher ist dieser Satz, dass das Blut Jesu Christi uns von allen Sünden reinwäscht, ein missverstandener. Ich denke daher, dass unser Lehrer Recht hat, wenn er unter Blut Jesu die Liebe Gottes zu erblicken vermeint.“
Nun fragte er wieder die Menge, ob sie derselben Meinung sei. Aber keiner rührte sich, denn sie wurden zwischen zwei Fragen gestellt: Ist ihr jetziger Glaube falsch, so ist ihre Anschauung falsch, und sie sind aller Hoffnung beraubt; ist er aber echt, wo bleibt da die Verheißung des Glaubens? Diese zwei Ansichten machten bei der Frage des Redners alle verstummen, so dass keiner sich getraute, einen Laut von sich zu geben.
Nach einer Weile tiefen Schweigens fing der Redner von neuem an: „Brüder, ich sehe ein, dass euch die Antwort schwer fällt, denn sie bringt uns eine Niederlage entweder unseres Glaubens oder unserer Hoffnung. Daher will ich mich bemühen, diese Antwort selbst zu bringen. Wer von uns kann behaupten, dass er auf dem rechten Wege ist, da er sieht, dass seine Hoffnungen und Jesu Verheißungen nicht eingetroffen sind? Wir alle haben die gleiche Erfahrung der Enttäuschung. Wir alle befinden uns in einem Suchen nach Wahrheit und nach einem Ausweg aus dieser Finsternis. Uns allen sind unbekannt die Ausgangswege aus diesem Labyrinth unserer geistigen Finsternis. Wie muss es erst den Römisch-Katholischen gehen, die nicht nur dieses Licht nicht haben wie wir, sondern sie haben auch viele menschliche Satzungen ihrer Päpste, die nirgends in der christlichen Lehre begründet sind!“
Auf diese Einwendung trat ein stämmiger Mann auf und sagte: „Ich war einmal zu Besuch bei meinem irdischen Freund, der ein römischer Christ ist und sich nun auch hier in der Geisterwelt befindet. Nach üblicher Begrüßung kamen wir sogleich auf das Glaubensthema, und da erzählte mir der Freund, dass er weder aus noch ein wisse. Seine Gebete zu Heiligen und zu Maria hülfen im Geisterreich nichts, folglich hätten sie wahrscheinlich auch auf der Welt den Bezahlenden oder Betenden nicht geholfen, wohl aber den Priestern, die von dem Gelde der Dummen gut zu leben gewusst hätten. Er sagte ferner: ,Es ist so wenig Licht, ich sehe zu wenig hier, es ist fortwährend Abenddämmerung, aber kein Tag, keine Sonne, es ist eine verteufelt langweilige Zeit ohne Hoffnung, ohne Hilfe. Zwar kommen unsere Priester mit ihren geschwollenen Reden und Versprechungen, aber wo Tatsachen sprechen, dort hört das Predigen der schwarzen Brut, die ich nie recht leiden konnte, auf.’ Also sprach mein irdischer Freund und Nachbar, und ich sah ein, dass er noch bedeutend schlechter daran ist als ich und meine Brüder hier, die noch etwas Licht haben.“ Nach diesen Worten trat der Redner ab.
Nun erhob sich wieder der frühere Redner und sagte: „Ich dachte mir, dass die Römisch-Katholischen gewiss noch schlechter daran sind als wir, und nun habe ich es bestätigt gefunden. Aber lassen wir die Römischen, sie haben ihre Aufgabe und wir die unsere. Jeder wird nach seinem Glauben selig. Daher kümmern wir uns zuerst um das, dass wir einen Ausweg finden, der uns zu unserem Jesus bringen wird, alles Übrige wird sich dann schon finden lassen. Aber, Brüder, welcher ist der Weg, der uns zu unserem Heiland führt?“ Auf diese Frage entstand wieder eine Pause.
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