157. – 1. Februar 1880 – "Von den Seligkeiten der Bergpredigt. Wahre Demut"
Liebe Kinder!
Ich gebe euch heute das 5. Kapitel des Ev. Matthäi zum besonderen Nachdenken und zu einem Prüfstein für eueren Standpunkt.
Dasselbe enthält sehr viele Verheißungen, und es ist den Menschen sehr angenehm zu hören, wie jeder einzelnen Tugend der Lohn der Seligkeit zugesagt ist. Daher wenden sie Meine Aussprüche so gerne auch bei Fällen an, die sie oft nach langem Abmühen nicht ändern können, und meinen dann doch, diese Worte auf sich beziehen zu können, während ihr freier Wille oft dazu genötigt wird; z.B. heißt es: "selig sind die da geistig arm sind"; wenn also eine Seele sich nicht Mühe gibt geistig mehr zu denken und zu wirken, so bleibt sie mit eigenem Verschulden arm, und wird sich dabei nicht einmal arm fühlen; wenn sie aber strebt geistig weiter zu kommen, so wird sie ihre Schwäche erkennen lernen, und diese Erleuchtung ist Gnade, welche zur Seligkeit führt; aus diesem Standpunkte gehen die andern Tugenden hervor; darum steht die Geistes-Armut (das Bewußtsein der eigenen Mangelhaftigkeit) oder die wahre Demut vor Mir oben an.
Es gibt viele Menschen, die vor den Augen der Menschen stolz und hochmütig dastehen, weil sie sich rühmen, mit Mir in Verbindung zu stehen *), und deshalb ihre Mitmenschen für zu gering achten, mit ihnen als Brüder und Schwestern zu verkehren; solche Menschen erfreuen sich dann wieder wenig Gegenliebe und rühmen sich dann noch der Verfolgung um Meinetwillen (!), während dem sie Mich gar nicht in Meinem Urwesen, welches Liebe ist, erkennen, sondern sie sehnen sich, daß Ich ihre Nächsten den Arm der Gerechtigkeit durch Leiden solle fühlen lassen.
Für solche Menschen gelten diese Worte nicht, vielmehr aber für Solche, welche im Gefühle ihrer Unwürdigkeit sich im Stillen zu Mir wenden, mit der Bitte – sie tüchtig zu machen für Mein Reich, und in diesem Gefühle von ihren Mitmenschen keine Anerkennung und Liebe ansprechen, sondern mit kindlichem Vertrauen ruhig warten, was Ich ihnen zuschicke, und dann, wenn ihnen etwas zufällt, recht dankbar ausrufen können: "Herr, ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir beweisest!" (s. auch Johs. 1, 16)
Diese werden Gelegenheit finden, alle Tugenden, welche Ich selig preise, durch Verhältnisse, welche Ich ihnen schaffe, zu erringen, und weil sie dieselben dann als Gnadenführungen erkennen, so werden sie in Ihrem Seligsein oder in der Verbindung mit Mir nicht gestört, sondern sind ein Salz für die Weltkinder.
Leset nun diese Worte des ganzen Kapitels, welche in viele Einzelheiten eingehen, damit ihr euch desto besser prüfen könnet, mit dem vorgeschriebenen Sinne der wahren Demut, und Ich will Meinen Geist in jedes Einzelne von euch legen, damit er euch in die Wahrheit leite, so habt ihr einen sicheren Führer zur Seligkeit. Amen.
*) Man denke an das Gleichnis im Evangelium, das der Lehren tiefste enthält, vom Pharisäer und Zöllner. D.Hsg.
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