Von der göttlichen und himmlischen Natur, Wirkung und Eigenschaft
45. So du nun willst wissen, was im Himmel für eine Natur sei und was die hl. Engel für eine Natur an sich haben, und was Adam vor dem Fall für eine Natur an sich gehabt hat, und was eigentlich die heilige, himmlische und göttliche Natur sei, so merke die Umstände bei diesem siebenten Quellgeiste Gottes eigentlich wie folget:
46. Der siebte Quellgeist Gottes ist der Quellgeist der Natur, denn die andern sechs gebären den siebenten. Und der siebte, wenn er geboren ist, so ist er gleichwie eine Mutter der andern sechs, der die andern sechse umschleußt und gebäret sie wiederum, denn das körperliche und natürliche Wesen stehet in dem siebenten.
47. Hie merke den Sinn: die sechs steigen auf in voller Geburt nach jedes Kraft und Art, und wenn sie aufgestiegen sind, so ist ihre Kraft ineinander vermenget, und die Härtigkeit vertrocknete und ist gleichwie das ganze Wesen. Diese körperliche Vertrocknung heiße ich in diesem Buche den göttlichen Salitter. Denn es ist darinnen der Same der ganzen Gottheit und ist gleichwie eine Mutter, die den Samen empfähet und immer wieder Frucht gebäret nach aller Qualität des Samens.
48. Nun in diesem Aufsteigen der sechs Geister steiget auch mit auf der Marcurius, Ton oder Schall aller sechs Geister, und in dem siebenten bestehet er als in der Mutter. Alsdann gebäret der siebente allerlei Frucht und Farben nach der sechsten Wirkung.
49. Du mußt aber allhie wissen, daß die Gottheit nicht stille stehet, sondern ohn Unterlaß wirket und aufsteiget als ein liebliches Ringen, Bewegen oder Kämpfen, gleichwie zwei Kreaturen, die in großer Liebe miteinander spielen und sich miteinander hälsen oder würgen. Bald liegt eines oben, bald das andere. Und so eines überwunden hat, so gibts nach und lässet das andere wieder auf die Füße.
50. Du magsts auch im Gleichnis also verstehen, als wenn sieben Personen ein freundliches Freudenspiel anfingen, da je eines dem andern obsieget und das dritte käme dem überwundenen zuhilfe, und wäre eine liebliche freundliche Kurzweil unter ihnen, da sie zwar alle einen Liebewillen untereinander hätten und doch eines gegen den andern in Kurzweil oder Liebe kämpfete.
51. Also ist auch die Wirkung der sechs Geister Gottes in dem siebenten. Bald hat einer ein starkes Aufsteigen, bald der andere, und ringen also in Liebe miteinander. Und wenn das Licht in diesem Kämpfen aufsteiget, so wallet der Hl. Geist in Kraft des Lichtes in der andern sechs Geister Spiele. Alsdann gehet auf in dem siebenten allerlei Frucht des Lebens, dazu allerlei Farben und Gewächse.
52. Wie nun die Qualität am stärksten ist, so bildet sich auch der Corpus der Frucht und auch die Farben. In diesem Kämpfen oder Ringen formieret sich die Gottheit in unendlicher und unerforschlicher vielerlei Art, Weise und Bildung.
53. Denn die sieben Geister sind sieben Hauptquellen. Wenn der Marcurius drinnen aufsteiget, so macht er alles rege und die bittere Qualität beweget es und unterscheidet es, und die herbe vertrocknet es.
54. Nun merke hie, wie da sei die Bildung in der Natur in dem siebenten Geist. Das süße Wasser ist der Natur Anfang oder die herbe Qualität zeucht es zusammen, daß es natürlich und begreiflich wird, auf englische Art zu reden.
55. Nun, wenn es zusammengezogen ist, so siehts gleich dem Himmelblau. Wenn aber das Licht oder der Blitz drinnen aufgehet, so siehets gleich einem edlen Jaspis oder wie ichs in meiner Sprache nennen mag, einem gläsern Meer, darin die Sonne scheinet und ganz lauter und helle ist.
56. Wenn aber die bittere Qualität darinnen aufgehet, so zerteilet sichs und formet sichs, gleich als wenn es lebete oder als wenn das Leben da aufginge, und formet sich in grünliche Gestalt gleich einem grünen Blitz, menschlich zu reden, davon einem das Gesichte vergehet und nicht schauen kann.
57. Wenn aber die Hitze drinnen aufgehet, so formet sich die grüne Gestalt in eine halb rötliche, gleich als wenn ein Karfunkelstein aus dem grünen Blitz leuchtet.
58. Wenn aber das Licht, welches ist der Sohn Gottes, in dieses Naturmeer scheinet, so bekommts seine gelblichte und weißlichte Farbe, welches ich mit nichts vergleichen kann. Mit diesem Anschauen mußt du warten bis in jenes Leben. Denn das ist nun der rechte Naturhimmel, der da ist aus Gott, darinnen die hl. Engel wohnen und daraus sie im Anfang geschaffen sind.
59. Siehe, wenn nun der Marcurius oder Ton in diesem Naturhimmel aufgehet, da gehet auf die göttliche und englische Freudenreich. Denn da gehen auf Formen, Bildungen, Farben und englische Frucht, die da schön blühet, wächst und in seiner Vollkommenheit stehet, von allerlei Obstbäumen, Stauden und Gewächsen, holdselig anzuschauen, mit lieblichem Geruch und Geschmacke.
60. Ich rede aber allhie mit einer Engelszunge. Du mußt es nicht irdisch verstehen gleich dieser Welt.
61. Mit dem Marcurio hat es auch diese Gestalt: Du mußt nicht denken, daß ein hartes Pochen, Tönen oder Schallen oder Pfeifen in der Gottheit sei, als wenn einer eine mächtige Posaune nähme und bliese drein. 0 nein, Mensch, du halbtoter Engel, das ist es nicht, sondern es gehet alles in Kraft zu, denn das göttliche Wesen stehet in Kraft, aber die hl. Engel singen, klingen, posaunen und schallen lautbar, denn zu dem Ende hat sie Gott aus sich gemacht, daß sie sollen die himmlische Freude vermehren.
62. Ein solch Bild war Adam auch, als ihn Gott schuf, ehe daß seine Heva aus ihm gemacht ward. Aber der verderbte Salitter in Adam hat mit dem Baum des Lebens gerungen, bis er überwunden und Adam matt ward, davon er entschlief. Da war es geschehen. So ihm die Barmherzigkeit Gottes nicht wäre zuhilfe kommen und hätte ein Weib gebauet, so sollte er wohl noch schlafen. Nun von diesem seinem Orte.
63. Dieses, wie oben erzählet, ist nun der schöne und heilige Himmel, der in der ganzen Gottheit also ist, der weder Anfang und Ende hat, dahin keine Kreatur mit ihrem Sinne reichet.
64. Doch sollst du dieses wissen, daß sich je an einem Orte bald eine Qualität mächtiger erzeiget als die andere, bald sieget die andere, bald die dritte, bald die vierte, bald die fünfte, bald die sechste, bald die siebente. Und ist also ein ewiges Ringen, Wirken und freundliches Liebe-Aufsteigen, da sich dann in diesem Aufsteigen die Gottheit immer wunderlicher und begreiflicher und unerforschlicher erzeiget, daß also die hl. Engel sich nicht können genug freuen und darinnen genug Liebe-Spazieren und das schöne Te Deum Laudamus genug singen, nach jeder Qualität des großen Gottes nach seiner wunderlichen Offenbarung und Weisheit und Schönheit und Farben und Frucht und Gestalt. Denn die Qualitäten steigen immer und ewig also auf, und ist bei ihnen kein Anfang, weder Mittel noch Ende.
65. Und ob ich gleich allhie habe geschrieben, wie alles wird, und wie sich alles formet und bildet, und wie die Gottheit aufgehet, so darfst du darum nicht denken, daß es etwa eine Ruhe oder Verlöschung habe und hernach wieder also aufgehe.
66. 0 nein, sondern ich muß im Stückwerke schreiben, um des Lesers Unverstand willen, damit er möchte was begreifen und in den Sinn kommen.
67. Du darfst auch nicht denken, daß ich sei in Himmel gestiegen und habe solches mit meinen fleischlichen Augen gesehen. 0 nein. Höre, du halb erstorbener Engel, ich bin wie du und habe kein größer Licht in meinem äußerlichen Wesen als du. Dazu so bin ich sowohl ein sündiger und sterblicher Mensch als du und muß mich alle Tage und Stunden mit dem Teufel kratzen und schlagen, welcher mich in meiner verderbten Natur in der grimmen Qualität, die in meinem Fleische ist wie in allen Menchen, immer anficht. Bald siege ich ihm ob, gar bald er. Er hat mich aber darum nicht überwunden, wenn er gleich vor mir oft sieget, sondern unser Leben ist wie ein steter Krieg mit dem Teufel. Schläget er mich, so muß ich zurückweichen. Aber die göttliche Kraft hilft mir auf, dann bekommt er auch seinen Streich und verlieret oft die Schlacht.
68. Wenn er aber überwunden ist, so gehet die Himmelspforte in meinem Geiste auf. Dann siehet der Geist das göttliche und himmlische Wesen nicht außer dem Leibe, sondern im Quellbrunne des Herzens gehet der Blitz auf in die Sinnlichkeit des Hirns, darinnen spekulieret der Geist.
69. Denn der Mensch ist aus allen Kräften Gottes gemacht, aus allen sieben Geistern Gottes, gleichwie auch die Engel. Weil er aber nun verderbet ist, so quillet nicht allezeit die göttliche Geburt in ihm, auch nicht in allen. Und ob sie gleich in ihm quillet, so scheinet darum nicht das hohe Licht in allen alsbald. Und obs scheinet, so ists doch der verderbten Natur unbegreiflich. Denn der Hl. Geist lässet sich nicht in sündlichem Fleische fassen und halten, sondern er gehet auf wie ein Blitz, gleichwie das Feuer aus dem Steine, wenn man draufschläget.
70. Wenn aber der Blitz im Quellbrunne des Herzens gefangen wird, so gehet er in den sieben Quellgeistern auf ins Hirn wie eine Morgenröte. Und darinnen steckt der Zweck und die Erkenntnis. Denn in demselben Lichte siehet einer den andern und fühlet den andern und reucht den andern und schmeckt den andern und höret den andern, und ist gleich als wenn die ganze Gottheit drinnen aufginge.
71. Hierinnen siehet nun der Geist bis in die Tiefe der Gottheit, denn in Gott ist Nahe und Weit ein Ding. Und derselbe Gott, von dem ich in diesem Buch schreibe, der ist sowohl in seiner Dreiheit im Corpus der heiligen Seelen als im Himmel. Von diesem nehme ich meine Erkenntnis und von keinem andern Dinge. Ich will auch nichts anders wissen als denselben Gott, und der macht auch die Gewißheit meines Geistes, daß ichs beständig glaube und auf ihn traue.
72. Und ob mirs gleich ein Engel vom Himmel sagte, so würde ichs doch nicht können glauben, viel weniger fassen, denn ich würde immer zweifeln, ob sichs auch also verhielte. Aber so gehet mir die Sonne selber in meinem Geiste auf. Darum bin ich des gewiß und sehe selber die Ankunft und Geburt der hl. Engel und aller Dinge im Himmel und in dieser Welt. Denn die heilige Seele ist ein Geist mit Gott. Ob sie gleich eine Kreatur ist, so ist sie doch den Engeln gleich. Auch so siehet des Menschen Seele tiefer als die Engel. Die Engel sehen allein bis in die himmlische Pomp, die Seele aber siehet die himmlische und höllische, denn sie lebet zwischen beiden.
73. Darum muß sie sich wohl quetschen lassen und alle Tage und Stunden mit dem Teufel ringen, das ist mit der höllischen Qualität, und lebet in großer Gefährlichkeit in dieser Welt. Darum heißt dies Leben recht ein Jammertal, voller Angst, stetiges Würgen, Kriegen, Kämpfen, Streiten.
74. Aber der kalte und halbtote Leib verstehet diesen Kampf der Seelen nicht allewege. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, sondern er ist schwermütig und ängstlich und gehet von einem Gemache, ja von einem Orte zum andern und suchet Abstinenz oder Ruhe. Und wenn er dahin kommt, so findet er nichts. Da lauft denn Zweifel und Unglauben mitunter. Ihm ist oft als wäre er gar nicht von Gott verstoßen. Aber er verstehet nicht des Geistes Kampf wie derselbe bald oben und bald unten lieget. Was da für ein heftig Kriegen und Kämpfen ist mit der höllischen und himmlischen Qualität, welches Feuer die Teufel aufblasen und die hl. Engel löschen, gebe ich einer jeden heiligen Seele zu bedenken.
75. Du sollst wissen, daß ich allhie nicht schreibe als eine Historia, die mir von andern ist erzählet worden, sondern ich muß stets in derselben Schlacht stehen und befinde die mit großem Streite, da mir dann oft ein Bein untergeschlagen wird wie allen Menschen.
76. Aber um des heftigen Streites und Kampfes willen und um des Eifers willen, den wir miteinander haben, ist mir diese Offenbarung gegeben worden, und der heftige Trieb zu solcher, solches alles aufs Papier zu bringen.
77. Was aber gänzlich hierunter oder hiernach folgen möchte, weiß ich nicht gänzlich, allein daß mir etliche zukünftige Geheimnisse in der Tiefe gezeiget werden.
78. Denn wenn der Blitz im Centro aufgehet, so siehet er hindurch. Aber er kanns nicht wohl fassen, denn ihm geschieht, als wenns wetterleuchtet, da sich der Blitz des Feuers auftut und bald wieder verschwindet.
79. Also gehets in der Seelen auch zu. Wenn sie in ihrem Kampfe durchdringet, so schauet sie die Gottheit wie ein Blitz, aber der Sündenquell deckts bald wieder zu, denn der alte Adam gehöret in die Erde und nicht mit diesem Fleische in die Gottheit.
80. Nicht schreibe ich mir dieses zu Lobe, sondern darum, daß der Leser wisse, worinnen meine Wissenschaft stehet, damit er nicht einen andern bei mir suche, der ich nicht bin, sondern der ich bin, der sind alle Menschen, die in Christo Jesu unserm Könige ringen nach der Krone der ewigen Freuden, und leben in der Hoffnung der Vollkommenheit, welches Anfang ist am Tage der Auferstehung, welcher nun kurz vorhanden ist, welches im Zirkel des Aufganges im Blitze gar wohl zu sehen ist, in welchem sich die Natur erzeiget, als wenn der Tag wollte anbrechen.
81. Darum schaue zu, daß du nicht schlafend erfunden werdest in deinen Sünden. Wahrlich die Klugen werdens merken, aber die Gottlosen bleiben in ihren Sünden. Sie sagen: Was ist dem Narren, wann hat er ausgeträumet? Das macht, sie sind in den fleischlichen Lüsten entschlafen. Wohlauf, siehe zu, was das für ein Traum sein wird!
82. Ich wollte auch wohl in meiner Sanftmut ruhen, so ich dies nicht tun müßte, aber der Gott, der die Welt gemacht hat, ist mir viel zu stark. Ich bin seiner Hände Werk. Er mag mich setzen wohin er will.
83. Und ob ich gleich der Welt und des Teufels Spektakel sein muß, so ist doch meine Hoffnung in Gott auf das zukünftige Leben. In dem will ichs wagen und dem Geist nicht widerstreben. Amen.
NEUOFFENBARUNG