Kapitel 11
Neues großes Unrecht. Auch Römer fallen in das Netz. Befreiung durch die Hilfe des Herrn
Drei Jahre sind dahingegangen. Man hat gehofft, jedermann nach seiner Art, es möchten Haß und Niedertracht verschwinden, Mord und Verfolgung nicht mehr geben, weil — denken jene, die den Heiland lieben lernten, fest an Seine Wunderlehre glauben und trotz Unheil wünschen: gerade Seine ‚Gotteslehre‘ müßte alle Menschen friedsam machen. Ist noch zu hoffen, wenn das Gegenteil geschieht, wenn das menschlich Böse blüht wie die Disteln auf dem kargen Feld, auf dem doch Weizen wachsen sollte —?
Wenn der Verfolgungswahn solch hohe Wellen wirft, daß nicht bloß Israelen in die Netze fallen, ja — dann ist‘s schwer, glaubensvoll zu bleiben. Ob im Süden oder Norden, in all den Landen, die unter der Besatzung leiden, — Niedrige und Hohe werden ausgelöscht. Da füllt manch einer, der seine Dienste treu versah, so gut als möglich handelte, über sein Gebiet hinaus, wo immer Hilfe nötig war. Man macht vor keinem Halt, fällt der geringste ‚Heilandsschatten‘ auf die Leute.
„Vater, Nerias hat man fortgeschleppt!“ Aufgeregt stürzt Retzi in das Zimmer, wo Charius und Susanne sich befinden. Retzi ist sehr groß geworden, und noch ein Kind, wie der Heiland solche vorgezogen hatte: »Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder!« Fragend sieht er seinen Vater an. „Kannst du nicht helfen? Nerias ist ein solch guter Mann, der tat wirklich niemals jemandem ein Leid. Weshalb kann der Heiland nicht —“
Sacht streicht Charius dem Knaben übers Haar, selber trostbedürftig und kommen viele Leute in das Haus, um Hilfe oder Schutz zu finden. Und schwer: Gewiß, Römer bringen ihre Opfer fort, meist jedoch auf Anzeige eigener Volksgenossen. „Weißt du, lieber Retzi, es ist nun so, weil die meisten Leute noch nicht wissen, um welche Glaubenskraft es geht.
Die Israelen müßten es zuerst erfassen, weil der Heiland keinen anderen Gott gelehrt als den, den schon Abraham erkannte, er, Mose, Josua und viele andere sogar mit Ihm verkehren konnten. Noch ist‘s der Haß von manchem Templer — von denen hat sicher mancher umgekehrt, weil die schöne Oberdecke weggezogen worden war vom Herrn, und das hatte man Ihm nie verziehen.
Eben mancher ist doch aufgewacht, hat öffentlich gefragt, was man gern verschweigen wollte. Das lastet man dem Heiland an; und wer weiß, wird sich der Kampf um Wahrheit gegen alle Finsternis der Welt wohl niemals legen?“ Charius hängt eine lange Pause an, die das Kind nicht stört. Auch Susanne schweigt.
„Wegen Nerias werde ich den Hauptmann fragen. Ist der Rabbi noch bei uns in Dan, wird es möglich sein, mit JESU Hilfe, ihn wieder zu befreien. Ich gehe nachher gleich zu ihm.“ Charius wendet sich an seine Frau: „Es wird besser sein, weil gerade wieder eine dunkle Woge über unsere Menschheit rollt, du und Retzi bleibt im Haus, soweit gegeben ist.
Er kann im Garten spielen; ein Diener soll die Aufsicht führen. Die Magd kann zum Basar gehen und holen, was benötigt wird. Ohne ein Geleit geht jetzt nicht fort. Noch das: Kommt eine Einladung, so wartet, bis ich weiß, um wen, um was sich‘s handelt. Ist leider schon geschehen: wird jemand eingeladen, ganz freundschaftlich, und ein Tiger wartet auf den Fang.“
„Das ist gemein“, regt sich Retzi auf. „Wenn ich groß bin, werde ich die Tiger fangen!“ Echt knabenhaft. „So?“ Ein verlorenes Lächeln gleitet über Charius Gesicht. „Was tust du dann?“ „Weiß ich noch nicht“, kommt die kluge Antwort. „Muß viel lernen, und kann dann besser helfen. Immer sprach der gute Heiland von der Hilfe Gottes und von Seiner Gnade.
Das habe ich mir gleich gemerkt, weil —“ Seltener kehren die Gedanken zu der Zeit zurück, wo er und die arme Mutter hätten Hilfe brauchen können. Heute gibt es einen Rückblick auf die Zeit, und wie er, roh geschlagen, fortgeschlichen war. Kindlich dankt er oft dem Herrn, der ihn zu einem neuen guten Vater führte, zu einer guten Mutter, wie seine richtige es auch gewesen war; nur daß diese ihre Kinder nicht vor ihres Mannes Zorn bewahren konnte.
„Halte dich an Jesu Führung fest“, mahnt Charius. Was in all den Jahren, schon vor Jesu Kommen, vor sich ging, wie sich die Lasten steigerten, die Zukunft noch nicht abzusehen war — ein Kind kann das nicht wissen. Ja, er selbst, Charius, möchte gern an alles Gute glauben; und daß er nie, nie von Gottes Heilandslehre fallen wird, dessen ist er sich bewußt. Aber wie man diese hohe Lehre für die ganze Menschheit rein bewahren soll, das ist ihm, dem weltklugen Manne, noch ein unlösbares Rätsel.
‚Dieses Rätsel wirst du niemals lösen, als Mensch. Überlasse es dem Heiligen, ER steht über aller Welt! Mag lang die Finsternis ihr Zepter schwingen, so sei gewiß: Gott wohnt in Seinem Himmel, und Er kann schaffen, was Er will! Nie nichts entfällt den Händen Seiner Schöpfermacht!‘
Da war etwas. Alle wenden sich der Türe zu, als ob von dort ein Hauch gekommen wäre, kein Luftzug, wie geschieht, wenn jemand eine Türe öffnet. Nein, ganz sonderbar ist es gewesen. Und Charius? Oh, wie der nun die unerhörte Gnade — er hat innerlich das Wort vernommen. Sprach nicht Jesu oft von einem Wort, eben, weil‘s ja einen Gott, den Vater aller Kinder gibt? Sagte nicht Cornelius: ‚Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund!?‘ Wunderlich, das Eine, der EINE !
Während Charius sich auf den Weg begibt, das Wort in sich verschlossen wie ein Edelgut, sitzen Retzi und Susanne Hand in Hand, sich in die Augen sehend; und ist ein Glanz, so wundersam, als ob sie hätten hören können, was der Mann vernahm. O, es braucht nicht stets ein Laut zu sein, und man ist doch mit jenem Gnadenlicht aus Gottes Herrlichkeit verbunden.
Charius wird bei dem Stadthauptmann gemeldet. Der zieht die Stirn in Falten. „Bist bekannt“, sagt er ohne Gruß. „Etwa weißt du es noch nicht, daß man alle, die dem Galiläer folgen und man ‚Christen‘ nennt — wer weiß, wer sie so nannte —‚ ohne alles Hin und Her zu fassen hat, auch — auch Römer.“
„Unsere?“ Charius kriecht ein Wurm durchs Herz. „Mehr ist nicht zu melden, weil ich‘s auch nicht weiß. Kein Gericht soll gehalten werden. Fangen und ab damit!“ „Das ist gegen jede Sitte, die wir hoch gehalten haben.“ Mit Mühe unterdrückt Charius die Erregung. Das gute Gnadenwort —‚ er verläßt sich auf den Herrn. Mit dem Mut des Glaubens bringt er seine Bitte vor.
„Bei dir ist ein jüdischer Rabbiner eingeliefert worden. Was ist gegen ihn gesagt?“ „Ich mag mich nicht damit befassen, was sich um den Galiläer dreht.“ „Hast du dir nicht angehört, was man klagte?“ „Na, so halb und halb hörte ich mir an; doch darum geht es nicht. Angeklagt, er hinge dem Rebellen an. Das geht gegen Rom. Du mußt es wissen, wie sehr wir im Gebiet gefährdet sind. Ein Rom haben wir zu halten! Oder nicht?“ Ein schräger Blick, ironisch und voll Argwohn gilt dem Charius.
„Meinem Dienst entsprechend.“ „Schon recht, hörte aber, du wärst dem Galiläer nachgegangen.“ „Letzteres stimmt nicht“, kann Charius bekennen. „Wohl war ich Ihm begegnet und gerechtermaßen sage ich: Niemals sprach Er gegen Rom. Im Gegenteil! Pharisäer fragten Ihn, ob sie, die Unterdrückten, des Kaisers Zins entrichten müßten. Ein Ja war gegen Juda, ein Nein gegen Rom (Matt. 22, 17).“ „Und was sagte Er?“ fragt der Städter. Man merkt, wie begierig er auf eine Antwort wartet. Ernst erwidert Charius:
„»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Niemals war Er unser Feind; sonst wären Ihm nicht so viel hohe Römer nachgefolgt. Er hat dabei die Falle fein verdeckt, in die die Templer stürzen konnten, mit Ja, mit Nein aus Jesu Mund.“ „Hm, sehr klug. Aber nun, was willst du denn?“
„Gib Nerias frei, er hat nichts verschuldet, kenne ihn genau und ist kein Falsch in ihm. Ist er noch bei dir?“ „Ja, aber freigeben? Unmöglich! Er hat sogar den Kindern anbefohlen, an diesen Mann zu glauben.“ „Ich bitte dich“, Charius bewahrt die Ruhe, „das ist kein Verbrechen und vor allem — hast du es selbst gehört, oder hältst du nur auf Hörensagen ein Gericht?“
„Mir gleich! Den Schläger hab‘ ich dir zu danken und der bezeugt, Nerias sei ein feindlicher Agent.“ „Glatte Lüge! Ein guter Römer baut auf solch Gerede kein Gericht! Denk‘ an unsere Justitia.“
Nach langem Hin und Her, Zeugnis gegen Zweifel, Liebe gegen Haß, offenes Bekenntnis gegen Diffamierung, den Sieg behält das Licht. In dieser Zeit sehr selten. Der Hauptmann schellt nach einem Legionär, der das Gefängnis überhat.
„Bringe Nerias, der heute eingeliefert worden ist.“ Bald steht der Rabbi vor dem Richtertisch. Ach, nur ein paar Stunden, und man sieht ihm seine Drangsal an. Bloß die Augen — ja, der dunkle Glanz ist ungebrochen. Charius schnürt es fast den Hals zusammen. Handelt Rom auf diese Weise, dann ist sein Ende abzusehen, mögen auch noch wieviel Jahre über diese Erde ziehn.
„Bist du ein Anhänger dieses Galiläers?“ „Ich diene keinem Menschen“, ist die fein gewählte Antwort, „hatte es auf deine erste Frage gleich gesagt.“ „Genügt mir nicht!“ sagt der Hauptmann grob. „Ich habe diesen Jesu selber nie gehört, nie gesehen; und allein auf Reden anderer gebe ich nicht viel, es sei denn, man könne ihnen glauben. Das geschah einmal.
Echte Zeugen haben mir berichtet und ohne Bindung: Jener, der durch die Lande zog, ist der verheißene Messias. Kein Weltlicher, kein Widerpart für Roms Regime! Das Geistige davon —? Verzeih, das wirst du niemals anerkennen.“ „Rede nicht zuviel, es könnte deinem Halse schaden! Was ich erkenne oder nicht — sag‘ Jüdlein, was geht‘s dich an?“ „Nichts, stolzer Römer!“ Aufgerichtet steht der Rabbi da. Charius denkt: er zeugt für Jesu, insgeheim und dennoch offenbar. Zu seinen Gunsten hält er ihn zurück.
„Sei still, Nerias, du bist rein vor unserem Gericht, also kann ich dich . . .“ mitnehmen?“ höhnt der Hauptmann. „Ja!“ Dieses eine Wort bringt ihn bald um. Nie zugestanden — es gärt in ihm. Er weiß wie viele Hohe der Besatzung: nichts stimmt mehr im einst gerechten Romana. Zugeben darf man‘s nicht; sonst wären samt und sonders die Besetzten obenauf, und würden sie sich selbst in Nesseln setzen. Auf einmal winkt der Hauptmann müde ab. Charius nimmt das Zeichen wahr. Wortlos führt er Nerias hinaus und in dessen Wohnung, die recht ärmlich anzusehen ist.
„Halte dich für eine Zeit zurück“, mahnt er den Rabbi, als sie, allein, in dessen Haus sind. „Habe es genau gemerkt, wie du denkst, sowie ich auch; und du wirst es wissen: mein Sohn Retzi hat mich eigentlich zum Herrn geführt. Wenn die Kinder wieder zu dir kommen, dann lehre sie ein wenig aus der alten Schrift. Da ist ohnehin viel Herrliches vermerkt, was man als Erwachsener sogar noch lernen kann und — sollte.“
„Ohne offenes Bekenntnis?“ Eine schwere Frage, sie schneidet in das Herz. Charius nickt. „Der Heiland hat gesagt, was ich nicht sofort verstanden habe: »Seid klug, wie die Schlangen; aber ohne Falsch, wie die Tauben!« (Matt. 10, 16). Dieses hatte mir ein Jünger überbracht. Sieh an, du hast vor dem Richterhauptmann ohne offenes Bekenntnis doch den Herrn bekannt. Ah, wie es in ihm wühlte, ein Exempel hätte er gern statuiert — an dir!
Du warst ohne Falsch wie die Tauben, und Jesu Segen war bei dir, bei mir auch. Ich weiß es längst, daß man auch mich auf die gewisse Liste schreiben möchte. Das Bekenntnis, Nerias, wenn die Argheit uns in ihre Netze reißt — das wird bitterschwer und kommt es darauf an, ob wir in der bittervollen Not, mit und notfalls ohne Worte, das Bekenntnis offenbaren — für unseren Gott, der unser Heiland, unser heiliger und heilender Erlöser ist.“
„Ahnte nicht, daß du tief im Gottes glauben stehst. Viele deines Volkes stellten euren Götterdienst beiseite. Sieh ein Gleichnis an: Juda wurde siebzig Jahre unterjocht. Genau in Babylon kamen unsre Vorderen zur Erkenntnis, und manch Babylonier lernte Gott erkennen [VH2]. So wurdet ihr zu uns geführt: Sieger! Allein, der ewig wahre GOTT hat euch besiegt!, viele, daß sie an Ihn glauben lernten. So sieht Gottes Waltung aus.“
Charius lächelt. „Weißt du, Rabbi, ganz ununterrichtet bin ich nicht, studierte die Geschichte von verschiedenen Völkern und war Israel auch dabei. Daraus hab‘ ich den Kontakt zum Herrn gefunden. Immer war es wundersam, wie präzis der Heiland angemeldet wurde, wie du bekanntest: kein Weltmessias! Kam er nicht als solcher, so stand die Frage offen: als was?!
Da gibt‘s bloß ein Bedenken: Er kam als GOTT! Das ‚wie‘ werden wir wohl nie ergründen; aber aus dem Weltlichen herauszudenken und das Licht alleinig leuchten lassen, alsdann könnte man die Gasse nicht verfehlen, die uns zum Heiland führt. Eben so durfte ich den Herrn erleben, hab‘ Ihn liebgewonnen, so gut ich es vermag. Meine Fehler lege ich in Seine Hand; ER wird helfen, daß ich nach und nach noch alles überwinden kann.“
Selber werden Charius die Augen naß; das Bedenken an den Herrn überschauert ihn. Auch Nerias drückt eine Träne aus. Was er von dem scheinbaren Römer hörte, ist sein tiefstes Denken, das er selten seinen Brüdern anvertrauen konnte. Entweder hielten sie am Welt-Messias fest oder dachten nie darüber nach, welche ‚Gnadenzeit‘ mit dem HEILAND angebrochen war, abgesehen davon noch, daß von Templern und Rabbinern jene leicht zu zählen sind, die den Nazarener anerkannten, wie einst Athaja, Zacharias, Nikodemus und vor allem mit von hohen Römern ihm zu Ohren kam. Ob die Kunde stimmt, daß der Tempel-Simeon in der Tat ein Engel war [VH3], stellt er dahin. Nur glauben mochte er es gern.
Er nimmt Charius Hände in die seinen, wortlos sieht er ihm ins Auge, wortlos wendet er sich um und setzt sich in des Raumes Winkel, wo ein Betstuhl steht. Charius grüßt mit erhobener Hand. Er geht tief beglückt nach Hause, ohne jede Ahnung, daß schon wieder eine Hiobsbotschaft seiner harrt. Immerhin, das Erlebte, Jesu große Hilfe, die kurze Gnadenstunde mit dem Rabbi stärken ihn, auch die neuerliche Last zu überwinden.
Susanne fällt ihm weinend um den Hals. „Was ist? Beruhige dich, wir haben unseren Heiland!“ Schluchzend vorgebracht. „Ach, warum die Ungerechtigkeit, wo wir . . .“ „. . . IHN haben!“ Fest gesagt, während eine Angst im Herzen nagt. Doch er, Charius, muß den Seinen eine Stütze sein — im Aufblick auf den Herrn, der urewige Stützpunkt aller Zeiten, aller Lebewesen.
„Es ist ein Bote da, aus Sarepta, vollkommen abgeschafft.“ „Hast ihn gut betreut?“ „Ja, doch erst mochte er nichts essen, nur einen langen Trunk hat er getan.“ Charius geht ins Nebenhaus, beim Stall angebaut. Er liegt noch da, der arme Kerl. Als er Charius sieht, steht er mühsam auf, dann in strammer Haltung. Der Hausherr winkt ihm freundlich zu: „Berichte mir.“
Noch schüttelt es den Boten und als Legionär ist er so viel gewöhnt. „Mein Herr Sporanato —“ „Was?“ Die Angst verdichtet sich. Man macht vor einem unscheinbaren Rabbi keinen Halt; doch ein, o, Sporanato ist ein angesehener Oberst, da kann nie — „Man hat ihn verhaftet, fortgebracht.“
„Wer?“ „Sematra.“ „Der?“ Unglaublich. Er war mit Sporanato stets gut ausgekommen, wenngleich nicht direkt befreundet. „Weißt du, ob er in Sarepta festgehalten wird?“ „Nein, Frau und Kinder weinen, die Maska, unsre Küchenhilfe — die läuft mit geballten Fäusten rum. Als schwarze Sklavin droht ihr nichts; doch Frau und Kinder —“ Der Bote macht ein Fragezeichen.
„Du ruhst dich aus, kommst mir nachgeritten, so bald du wieder kannst.“ „Willst du nach Sarepta?“ fragt Susanne ängstlich. Ihre Sorge ist berechtigt, trotz ihrem festen Glauben, weil jetzt die Not ihr Zepter schwingt. „Einen Legionär nehm‘ ich mit, die anderen von unserer Abteilung und die Dienerschaft bleiben hier. Vorläufig ist es Schutz genug. Und dann —“ Charius zeigt zum grauverhangenen Himmel hoch. Gerade auch ein Zeichen.
Als er sich mit seinem Burschen in die Sättel schwingt, schiebt sich Retzi mit dazwischen. Er sitzt auf seinem kleinen Pferd, das ein schneller Läufer ist. „Ich komme mit!“ Das ist keine Kinderstimme. Wer weiß, hat nicht der Heiland Kinder vorgezogen? „Das ist für dich zu schwer“, hindert Charius den Knaben. Der schüttelt seine dunklen Locken und drängt sich zwischen seinen Vater und den Legionär. Teils meidet man die eigentliche Straße, auch kürzt man dadurch manche Kehre ab.
In Sarepta spürt man unter der Bevölkerung ein Wallen; es bedarf von seiten der Besatzung größten Einsatz. Hier wohnen Römer, Juden, Griechen, Syrier, Ägypter und was alles noch. Da läuft rasch ein Kessel über. Der Legionär macht eine Gasse frei, hinter ihm Retzi und sein Herr. Am Haus des Sporanato stehen vor dem Eingang einige Bewaffnete. Sie haben Order, niemand einzulassen. Charius zeigt sein Siegel vor und das ist sein Hephata.
Im Atrium hockt Maska. Als sie Charius erkennt, steht sie hastig auf. „Herr, gut, daß du kommst. Wisse“, flüstert sie, die Posten sollen es nicht hören, „bin zwar Sklavin, habe nichts zu melden.“ Sie kichert. „Nimm zur Befreiung meine Hilfe an; hab‘ schon mancherlei erkundet.“
„Du?“ Erstaunt sieht Charius drein. Wohl, Naturgebundene spüren besser irgend einen ‚Schlich‘. Sporanato war seinem ganzen Haus ein treulicher Gebieter. „Wo ist die Frau?“ „In ihrer Kammer, armselig vor lauter Schmerz.“ „Führe mich zu ihr; im Atrium möchte ich nicht mit ihr reden, da gibt‘s leicht Ohren.“ Maska nickt, geht die Treppe hoch, und Retzi im Gefolge. Woher weiß der Knabe plötzlich, was man unternehmen muß oder — kann?
„Vater“, haucht er, wie Maska tut, „ich sehe auf der Stiege eine Spur.“ „Halt!“ mahnt der Mann, „nachher sollst du uns den Führer machen.“ Jäh überkommt es Charius und ist ein Raunen: ‚Tue, was der Knabe will, es ist GOTTES Führung!‘ Ja, Gott kann leiten durch wen und wie ER will!
Im Gemach sitzt Sporanatos Frau, eine feine Römerin, versunken da, ihre Kinder fest umschlungen. „Sibillia, habe wieder Mut! Ich bin gleich gekommen, um zu helfen, daß es irgend mir gelingen mag.“ „Wirst nichts mehr richten können.“ Trostlos gesagt. „Keiner kommt aus einem Netz heraus, wer heutzutage „Mußt nicht verzagen; du glaubst doch auch —“ „Habe ich bis jetzt getan. Nun mir mein Mann genommen worden ist, was hilft mir da ein Glaube an den Gott, der mir nicht hilft?‘‘
Echt menschlich, fährt es Charius durch den Sinn. Das Regime ist keines mehr aus jener Zeit des Cäsar, mit dem Besten, den es jemals gab: Quirin Cyrenius. Wäre der noch da, leicht könnte man für jemand bitten, und man würde angehört. Sporanato hat sich niemals was zu schulden kommen lassen. Den Drahtzieher, Neidhammel muß man haben. Dann läßt sich retten, was zu retten ist.
Verstohlen zieht Retzi am Gewand des Vaters. „Sibillia, bleibe hier im Raum, bin gewiß, da bist du sicher; niemand wird dich jetzt bedrängen. Ich reite zu Sematra, um zu erfahren, was vorgefallen ist.“ Daß man den Freund des Glaubens wegen inhaftierte, ist nicht anzunehmen. Maska und seinen Legionär im Gefolge, passieren sie ein paar kleine Gassen, Retzi vorneweg, Maska laufend neben ihm. Bin gespannt, was sich tut, überlegt Charius. Das ist nicht der Weg ins große Heereslager.
Schon bleibt die Stadt zurück, aber unaufhaltsam bleibt das Kind voraus. Maska nickt vor sich hin, während Charius wähnt, er hätte sich von Retzi nicht verleiten lassen dürfen. Kostbare Zeit geht verloren. Zwischen dichten Bäumen steht ein kleineres Kastell. Was hat das hier zu suchen? Rundum weder Mensch noch Tier. Sieh da, am Eingang tauchen vier Bewaffnete auf, die allgemeine Wachenzahl. Sollte hier — doch warum — —?
„Halt!“ ruft einer Charius entgegen. Ha, etwa ist das noch ein Fang? Es ist ein Unterführer. Hämisch grinsend hält er die Gruppe an. Ein Kind dabei? Schlecht. Wieder zeigt Charius sein Siegel vor, gültig einem Manipelführer. „Was suchst du hier?“ Die Wache grüßt nun militärisch. „Hat Sematra dir den Weg hierher gewiesen?, es ist nichts zu holen. Das Kastell wird bloß bewacht.“ Charius möchte freundlich sein, aber hier geht es um einen lieben Freund; und daß Sporanato da gefangen liegt — keine Frage mehr. Muß Retzis Engel das Geleit gegeben haben.
„Eine Auskunft dir zu geben“, klingt es absichtlich streng, „ist nicht am Platz. Was ich hier tue, wirst du gleich erfahren. Denkst du, daß ich deine Lüge glaube? Halbverfallene Kastelle werden nie bewacht, sondern abgerissen oder wieder richtig aufgebaut. Was also habt ihr hier zu tun?“ Betreten stehn die vier Bewacher da. Gegen diesen Höheren, im fast gleichen Range mit Sematra — weh, da kommt ein schlichter Legionär nicht an.
„Wir unterstehen dem Befehl“, rapportiert der Erste. „Hast du eine höhere Order bitte, siehe nach, was du hier finden willst.“ Nicht dumm ausgedrückt. Noch ein sachtes Zupfen am Gewand. Retzi sieht seinen Vater an mit einem Blick: du findest ihn. „Ich habe sogar eine aller höchste Order“, erwidert Charius und denkt an Gott, ihren Heiland. O ja, hat er uns hergeführt, dann ist‘s des Himmels Order; und die steht über aller Welt.
Charius geht mit seinem Legionär allein ins Haus, während Retzi, Maska und die Schergen vor der Tür verbleiben. Drinnen riecht es stark nach Moder. Durch kleine Scharten dringt ein mageres Licht in einen schmalen Gang. Es gibt drei Türen, schwer mit Eisenzeug beschlagen. Charius geht gleich zurück. „Die Schlüssel“, befiehlt er knapp. Sehr zögernd händigt man sie aus. „Das mußt du übernehmen, Oberstführer.“ „Keine Sorge, euch trifft keine Schuld; das wird von mir bereinigt.“
Retzi schlüpft hinein. Ehe es sein Vater merkt, hält er vor der letzten Türe an. „Hier“, flüstert er. „Junge, weißt du nicht, was dir passieren kann? Geh zurück!“ „Vater, ich gehorche dir ja gern, hier muß ich bleiben, hat der Heiland mir gesagt.“ „So? Wann?“ „Auf dem Weg war es, als ginge jemand neben uns.“ Wie weiter? Charius nimmt einen Schlüssel und sieht, er paßt genau. Schwer aber läßt sich öffnen, die Türe knarrt, als wolle sie die ganze Not verraten, die hinter ihr zu finden ist.
Der Raum ist finster. Unterhalb der Decke sind zwei winzig kleine Luken, durch die kaum Licht und Luft ins Innere dringt. Der Boden ist sehr feucht, die Wände schimmeln. Das sieht man erst, nachdem das Auge an das Dunkel sich gewöhnt. In einer Ecke liegt ein Mensch auf nacktem Boden. Ehe Charius ihn gewahrt, kniet Retzi schon bei ihm und rührt ihn an.
„Sporanato, um des Himmels willen!“ Charius und der Soldat heben den Geschwächten auf. „Du kommst heraus! Und wehe jenem Lump, der dir das bereitet hat!“ Sporanato humpelt; in wenig Tagen abgemagert bis fast auf die Knochen. „Wasser“, murmelt er, „einen Tropfen“. „Sofort, erst wollen wir das Rattenloch verlassen.“
Inzwischen ergab sich draußen anderes. Ein Legionär wollte Maska schlagen, kam aber nicht dazu. „Seid klug“, warnt sie, „fort, ihr könnt euch irgendwo bei einer anderen Einheit melden. O, habt zwar bewachen müssen, doch nicht getan, was anbefohlen worden war. Oder nicht?“ Ohne Wissen hat die Negerin das gesagt: Der Unterführer, den jäh die Ängste überfallen, winkt seinen drei Kumpanen zu. „Los, die Alte hat ganz recht! Wir durften nicht, wir hätten eben —“ Zum Bessermachen ist‘s zu spät. Hinter dem Kastell weiden ihre Pferde. Im Nu schwingen sie sich auf. Ehe Charius mit Sporanato, Retzi und dem Legionär die Vordertür erreichen, sind die Wächter schon entschwunden.
„Wo sind die Kerle?“ Suchend sieht sich Charius um. Undenkbar, Sematra hätte den Gefangenen nie verhungern lassen; das fällt auf die Bewacher. „Fort“, Maska lacht. „Laß sie laufen; Böses findet seine Sperre.“ Sich mit dem Gesindel abzugeben, dazu gibt es keine Zeit. Sporanato ist zu helfen. Nahebei gibt es ein Wasser. Charius selbst holt es herbei.
„Langsam“, mahnt er, „darfst nicht hastig trinken“. Er hält den Becher fest. Schon ein Schluck — welche Labsal für die ausgedorrte Kehle. Im Schatten läßt man Sporanato eine Weile ruhen und gibt ihm etwas trockenes Brot, dazu einen kleinen Schluck. Das hilft, um ihn auf ein Pferd zu heben. Der Legionär schwingt sich hinter ihn und hält den Wankenden fest.
Man reitet Schritt, damit Maska ohne Mühe auch mitkommen kann. Die Freude überwiegt, bleibt jedoch ernst; denn in der Stadt soll keiner merken, wie mächtig sie sich freut. Bei Charius ist sie nicht so stark. Er muß zu Sematra, und wie es daselbst wird —? Es heißt warten und vertrauen. Hat der Herr schon wundersam geholfen, wird ER das Letzte auch noch tun.
Maska sorgt so rührend für die Frau, für die Kinder, und der Herr des Hauses wird von ihr sonderlich betreut. Sibillia, damit sie nicht zu Tod erschrickt, soll ihren Mann jetzt nicht gleich sehen. Es wird nur gesagt: er ist gerettet. Nach ein, zwei Tagen, unter bester Pflege, sieht Sporanato sicher schon viel besser aus. Erst, als es soweit ist, sagt die Negerin: „Meine Herrin, unser Herr ist wieder da.“
„Charius?“ fragt Sibillia bänglich. „Du wirst dich wundern, gute Herrin, er setzte alles dran, unsern Hausherrn aufzuspüren. O, das kostete viel Mühe.“ Etwas weitschweifig erzählt die Negerin vom Weg in das Kastell und fügt hinzu: „Wirst‘s kaum glauben: sein Sohn, acht Jahre alt, hat die Spur entdeckt. Mir war, als ob ihn jemand führte — so etwas Ungesehenes.“ —
Charius ist zu Sematra allein hinausgeritten. An sich durfte er nicht handeln; es ist das hiesige Ressort. In Gottes Namen will er alles auf sich nehmen. Rügen und viel mehr, wenn Sporanato nichts geschieht. Als er sich melden läßt, merkt er, wie der Aufruhr wirkt, oder so — als hätten alle Männer Angst. Weshalb? Er wird es schon erfahren. Sematra begrüßt ihn erst wie einen Fremden, seine Augen sind umschattet.
„Ach du“, sagt er nach einer Weile, „sei gegrüßt. Meine fast, du kommst zur rechten Zeit.“ „Sieht so aus! Was ist?“ „Ein Unstern ist hier eingebrochen. Ich hätte anderes getan; leider muß man Zeugen gelten lassen.“ „Sag‘ mir das Ganze, dann wird auch Hilfe werden.“ Bei einem Humpen Wein, den der Lageroberste viel zu hastig trinkt, kommt ein arges Bild zu Tage.
„Vor zehn Tagen kam aus Rom ein Thron-Amtsträger; so stellte er sich vor, Legionenführer. Letzteres hab‘ ich ihm nicht abgenommen, doch dazu geschwiegen. Er wies mir die Regime-Befugnis vor, den — hm“, leise: „den Wisch. Dann ging es los. Einige meiner bravsten Leute wurden sofort abgeführt, zufolge — glaube es!, der falschen Zeugen. Deren wird sich jetzt bedient.“
„Aha, und solche Eidverfälscher sprachen gegen Sporanato?“ „Du weißt es schon?“ „Diesen Falles weiß ich noch viel mehr. Daß du dem Gesandten nicht entgegen handeln konntest, steht wohl fest. Aber daß man Sporanato dem Hungertode übergab, das ist „Erlaube mal, stimmt nicht. Nächste Woche würde er nach Rom gebracht; da braucht man keine Hungerleiche, da braucht man einen, über den der Stab zu brechen ist.“
„Warum dann ins verfallene Kastell?, ohne die geringste Nahrung? Schlechter, als man Hyänen hält?“ „Nein“, erregt läuft Sematra auf und ab. „Sieh ihn dir zu Hause an“, widerspricht Charius. „Hätte ich“, er vermeidet, daß Retzi ihn gefunden hat, „ihn nicht sofort gesucht — morgen konntet ihr ihn ‚ehrenvoll‘ begraben.
Im finstersten Verlies lag er, war nur noch ein Gerippe, so konnte ich den allzeit hochgerechten Sporanato retten.“ „Charius, gib mir deine Hand, hinein beeide ich: das hab‘ ich nicht gewußt und nie gewollt! Die Wache suchte sich der Thron-Amtsträger aus dem eigenen Geleit, er nahm keinen meiner Unterstellten. Gestern ging er fort und wir alle atmeten auf. Doch die Lücken, die er hinterließ, weiß nicht, wie die aufzufüllen sind.“
„Ich werd‘ es Sporanato sagen, oder stand er diesem ‚Hohen‘ selber gegenüber?“ Höhnisch ausgedrückt. „Denkst du? Der hüllte sich in seine Nebel; ich mußte tun, was er anbefahl. Er hat also reine Hände, während ich . . .“ „Den Dreck auszubaden habe. Verlasse dich auf mich, richtiger auf GOTT, von dem ich dir berichten konnte. So wie ER mich hierher führte, noch zur rechten Zeit, also kommt die Hilfe für dich auch von Ihm. Des sei gewiß!“
Trotz Nichtverstehen, wo des Himmels Hilfe wäre, wo das Ungemach geschieht — sie ist da; manchmal zugedeckt, wie die Sonne hinter finsterem Gewölk. Die Schlange sagte falsch: ‚Sollte Gott gesagt haben?‘ Bleibt Seine Hilfe unterm Weg? Mag die Frage gelten, weil der Mensch das Lichtgeheimnis nicht erspäht — Tatsache, wie man ein Weltgeschehen nennt, die ist für den Weltling ausschlaggebend.
Hier sind treue Herzen, gerade, weil sie mit dem Heiland nicht oder seltener zusammentrafen, erst recht ob aller Last den Segen haben. Denn nicht sehen, hören und doch glauben, das ist, was der Herr wie oft hervorgehoben hat. Im Gegensatz zu Tempelhohen: sie hörten, sahen und verachteten das Heil des Herrn.
Sematra wird nach Damaskus dirigiert, mit seinen besten Leuten. Vorausgesagt: bis ins hohe Alter bleibt er unberührt, gibt sich der Gnade hin, von der Charius gepredigt hat. Eines tut ihm leid, da er durch den Wechsel nicht mit seinen Freunden in Verbindung bleiben kann. Doch den Lichtkontakt —‚ hoch hält er ihn fest.
Sporanato bleibt am Ort und nichts geschieht, um ihm neue Lasten aufzubürden. Der Gedanke geht nicht fehl: der Thron-Amtsträger ist schon abgehalftert. Sibillia und Maska schließen sich ganz fest dem Heiland an, wie Sporanato tut. Gottes Segen ruht auf ihrem Tun.
Noch ein guter Wandel, etwas später: Brudumus wird nach Dan versetzt. Ein Glaubenshort wird gebildet. Weltlich wunderbar, geistig ist‘s ein Zeichen: trotz Verfolgung bleibt die Gruppe frei von Haß und Niedertracht. Manch Verfolgtem ist Asyl zu bieten, andere werden sicher fortgebracht. Über allem Weltgehabe dominiert das Licht, der heilsgewohnte Schöpferwille, und der erhält Sein
JESU-WERK!
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