Was ein ‚Bruder‘ alles weiß. Gute Lehren über Vielerlei
25. Kapitel
Einer geht still heim. Rabbi Abelu. Er war nach Abjathars und Jorohams Rückkehr aus Gibea gekommen und meldete sich im Tempel. Feierlich sagte er zu Asarja: „Gib mir mein Bett; ich will im Hause Gottes sterben.“ Der Hohepriester ließ das Beste zubereiten, und Isboseth bettete den alten Mann.
Als die Freunde eilig kommen, segnet sie sein letzter Blick. Mit erlöstem Seufzer geht er freudig über jene Kluft, die die Materie vom Himmel scheidet. Hunderte kommen zur Grablegung herbei. Vielen wird der gute Mann noch lange fehlen. Diblaim liegt auch schwer krank danieder. Sogar Asarja kommt, um ihn zu besuchen. Vom alten Streit bleibt nichts zurück.
Eines Abends sagt Isa-i betrübt: „Die Lücke wächst. Jarath ist erkrankt; ich hörte es von Barthomas und muß nach Gibea.“ „Das geht vor“, sagt Abjathar. „Nur schade, daß du nicht so bald nach Gilead wie vorgesehen kommst. Jemand müßte dich begleiten. Von der Schule kann jetzt keiner weg; aber Nathan könnte mit.“
„Ich wandere doch als Prophet; da genügen derbe Schuhe und ein Stab.“ „Wann willst du reisen?“ „Sobald es Diblaim und Jarath besser geht, lieber Joroham“, gibt Isa-i Bescheid. „Ich gehe so, wie ihr geritten seid. Nur Samaria — merke ich — bringt keine Rast. Jerobeam hörte sich die Predigt an und täte ganz genau das Gegenteil. Alles weitere führt Vater Zebaoth.“ — —
Die Kranken haben sich erholt; Isa-i kann also fort. Die heißen Tage sind vorbei, und er schreitet rüstig aus. Am dritten Tage spürt er, als ob jemand bei ihm sei. Er strengt sich an, das Jenseits zu erfassen. Zärtlich flüstert er: „Bist du es, Mütterlein?“ Ein lauer Wind umfächelt ihn. Rastend setzt er sich auf einen Höhenstein, von wo aus man Samaria in der Ferne liegen sieht.
Da kommt ein Mann daher, Isa-i mustert ihn verstohlen. Sehr jung! Ein hellblauer Mantel hängt lose über einem gelben Kleid. Die Tracht ähnelt jener des Samathuel. Ob vielleicht . . . ‚Tor‘, zankt Isa-i sich selber aus. ‚Verlasse dich auf Gott, und nimm aus Seiner Hand, wie und was Er geben will.‘ Der Fremde verhält, wirft einen Blick auf das Panorama und fragt, ob er auf dem Stein mit rasten dürfe. Isa-i bejaht. Ein wonniges Gefühl geht durch sein Herz. Ob das von dem Jungen kommt? oder vom ‚Ganz-verlassen auf den Herrn‘? — ?
„Ein schönes Land!“ Der andere zeigt rundum. „Wohl“, gibt Isa-i zögernd zu, „das Landschaftsbild.“ „Genügt das nicht?“ „Kaum! Der Mensch soll Gottes schönstes Kunstwerk sein; allein er hat. . .“ Der Fremde legt eine Hand auf Isa-is Schulter. „Muß man neben Gottes wunderbaren Werken jederzeit das Dunkle sehen?“
„Du scheinst Glauben zu besitzen. Aber“, denkt Isa-i laut weiter, „wenn man in Gottes Auftrag steht und soll sich um die arme Brut bekümmern, diese kümmert sich nur nie um Gott, da bleibt die Frage offen: Dunkel neben Licht? Und dann — ? Ein Seufzer, weil man selber unzulänglich ist.“ „Mir gefällt die Schau ins eigene Herz“, sagt der Fremde freundlich, „sie ist mir artverwandt.“ „Wieso?“ Isa-i dreht sich ruckartig dem andern zu. „Bist du aus meiner Mutter Land?“ Er ist drauf und dran, den Unbekannten zu umarmen. Der lächelt:
„Du bist doch Prophet und müßtest merken, wer mit dir die Höhe teilt.“ Isa-i lacht ungewiß. Wenn er schon so weit wäre — — „Soll ich fragen“, murmelt er. „Die Höhe ist der HERR; und wer da einmal sitzen darf, hat mit sich selbst genug zu tun, ob seine Welt im Tal zurückgeblieben sei. Du bist sicher öfter auf der Höhe, und es wäre darum lieb, du würdest deine Decke lüften.“
„Ahnst du nicht, wer zu dir kam?“ „Nein!“ gesteht Isa-i offen ein. „Das heißt — ich glaubte gern, GOTT hätte dich gesandt, weil ein Neues vor mir liegt. Einstens kam Samathuel und half mir durch die Pforte gehen. Kannst du begreifen, daß ich zwölf Jahre brauchte, um eine Türe zu durchschreiten? Daran siehst du ja, was bei mir noch fehlt.“ Er senkt betrübt das Haupt.
„Unrecht hast du nicht“, sagt der Fremde ernst, was Isa-i noch mehr bedrückt. „Doch im Lichte sind zwölf Weltenjahre nur ein Hauch oder — eine kleine Ewigkeit, — je nachdem, was der Beauftragte Gottes in diesen Jahren tut. Ungenaue Kenntnis beeinflußt wenig Weg und Zeit. Kämpft man gegen das Gefühl, wie es deinen Geist bewegt, dann sind Hauch und Ewigkeit ein Ding.
Prophetentum ist nicht im Sturm zu nehmen. Selten bringen Stürme Segen, abgesehen von einem, der die wilden Winde bändigt. Der Schöpfer gab das Wort ‚Vorwärts‘ gnadenvoll dem Welten-All. Ein Weg geht wie vier Jahreszeiten durch ein Menschenalter hin: in Sonne, Regen, Sturm und sanftem Wind; in Arbeit, Speise, Freude, Ruhe, wie jede Kreatur es braucht. Natürlich steht die geistige Entwicklung, deren Zeit sich nicht nach Mond und Sonne richtet, über der natürlichen.“
„Wo hast du diese Weisheit her?“ staunt Isa-i. „Von Gott! Nur in Ihm ist der Weisheit Lebensborn! Willst du ihr A und O ergründen, so ergründe Gott; und aller Dinge Aufbau, Richtung, Lauf und Ziel hast du erkannt.“
„Höre auf!“ Der Prophet bedeckt die Augen. „Nie, das merke dir — das ist meine Überzeugung — ‚ läßt sich Gottes Sein ergründen, weder Seines Lebens noch der Allgewalt! Mir genügt das kleine Licht, wie mein Vater Zebaoth es hergeliehen hat. Das A und O Seiner Weisheit oder Seines Wesens ist mir überheilig; — ich maße mir nicht an, es anzurühren!“
„Ich gleichfalls nicht.“ Das Wort macht Isa-i perplex. „Willst du prophetisch sein, so prüfe jedes Wort, das dir zugetragen wird. Das kleine Licht, das Gott dir hergeliehen hätte, muß für alle Menschen reichen, solange du zu priestern hast. Ahnst du, wie es beschaffen ist?“ „Was hättest du gesagt“, pariert Isa-i, „hätte ich als großes Licht mich hingestellt? GOTT ist Schöpfer, ich der Diener; ER der Vater, ich das Kind! Und also bleibt‘s beim kleinen Licht!“ Wie zur Bestätigung ballt er seine rechte Hand.
„Deine Hand laß locker; nur durch ein offenes Gefäß fließt Gottes Gnade. Seine Sonne sendet jedem Kind ein Strählchen zu. Ob für das geschöpfliche Prinzip erst kleiner oder groß, gibt keinen Ausschlag für die Lichter. Sie nehmen zu und bleiben doch im Schöpfer-Sein das kleine Licht. Die großen Kerzen müssen weiter leuchten, wie der HERR sie ‚hergeliehen‘ hat.
Hergeliehen (Luk. 19, 11-26) bleibt sogar das Leben, weil GOTT der Lebensformer ist! Was Kinder damit machen, sieh — das ist ein ander Ding. Gott fragt jeden, was er mit den Gaben tut. In geschöpflicher Natur — geistig noch weit mehr als materiell — wächst jedes Wesen mit den Schöpfungstagen. Das äußere Wachstum ist gebunden, das Innere ist frei; die Wachstumskraft geht vom Schöpfer aus. In diesem Sinne sind alle Gaben hergeliehen.
Unsere Aufgabe ist, Frucht zu tragen wie ein guter Baum, wo durch das Hergeliehene ein Eigentum des Kindes wird. So kann auch deine Fackel reifen, die der Vater neulich freudig angesehen hat.“ „Woher weißt du das? Bist du etwa . . . “ Der Prophet erstarrt. Selbst Abraham hatte Gott mitunter nicht erkannt. Wenn er es versehen hätte; wenn er — Blitzschnell, wie gefällt, liegt er vor dem Stein und hebt stumm die Hände hoch.
„Bleibe neben mir, Isa-i; ich bin nicht Gott, ich bin wie du einer Seiner Söhne.“ „Du bist ein großes Licht“, stottert der Prophet, „jede Leihe ist dein Eigentum, während mir der Unterschied noch fremd geblieben war. Freilich dachte ich: Alle Dinge bleiben Gottes Eigentum, denn Er allein hat sie gemacht.“
„Der Schöpfer trägt das All in Sich, das Er als Priester, Gott und Vater ganz durchdringt.“ Isa-i ist beklommen. „Du sagst Dinge, die ich kaum zu denken wagte. Wie gleicht man dabei Liebe mit der Ehrfurcht aus?“ „Dem Menschen fällt das schwer, weil die Materie den Geist verhüllt. Soll deshalb Gott mit jemand unzufrieden sein? oder auch mit dir?“ „Nicht?“ fragt Isa-i gedehnt. „Ich bin über dreißig Jahre alt; und was habe ich bisher vollbracht?“
„Nicht alles, was durch die Lande braust, ist gut. Was langsam aber unaufhaltsam wächst, wird stark für eine Ewigkeit!‘ „Das sei gemerkt. Schade, daß ich weiterziehen muß. Oder könntest du ein bißchen mit mir wandern? Du brachtest mir ja Öl für meine Lampe. Unbescheiden“, Isa-i lacht leise, „möchte ich die Stunden vierfach dehnen, wie beim Herrn in jener gnadenvollen Nacht.“ (S. 137, 6)
„Heute kannst du dehnen“, lacht der andere heiter mit, „ich hatte Lust, meinen Bruder auf der Erde zu besuchen.“ „Bist du von dieser Welt? Die Erde besuchen, besagt das Gegenteil. Mich dünkt dies schlecht zu sein, im Himmel solche Lust zu haben. Lust ist Sinnlichkeit.“ „Eine solche Lust ist nicht gemeint.“ „Etwa andere? Ich weiß keine, die sich geistig spiegeln läßt.“
„Aber ich! Der Mensch sagt Lust und meint Eigenliebe. Schon die Anwendung des Wortes LIEBE — im Reiche heilig durch den Herrn — ist falsch. Was Er Sich erwählt, ist vom ersten Morgenhauche bis zum letzten Abend-ATMA für Sein Werk getan. Und das tut alles Seine große Lust (Ps. 18, 20; Hos. 6, 6), die Er an Seinen Kindern hat.“
„Ein neuer Strahl für meine Lampe!“ jubiliert der Mensch. „Nur paßt mir nicht in deine Kleider: ein Weltbesuch bei deinem Bruder. Wo wohnt er denn?“ „Augenblicklich auf dem Wege durch Samaria.“ „Du, himmlisch ist das eben nicht, wenn du mit mir schäkern willst. — Ach so“, bedenkt Isa-i, „dein Bruder wohnt am Weg?“ „Nein; er ist ein Wanderer, der als Beauftragter seines Herrn viele Wege gehen muß.“ Jäh verhält Isa-i: „Du hast das Brüderliche angedeutet; ja, Kinder Gottes sind Geschwister. Aber kamst du her, mich zu belehren, dann ist das ein gutes Werk, kaum aber eine Lust.“
„Warum nicht? Ich hatte Lust an meinem Bruder, von dem man auch auf Erden lernen kann.“ „Du nicht“, widersetzt Isa-i; „gelernt habe ich,“ „Es ist so gemeint, daß Himmlische, die noch keinen Weltweg gingen, gern von Inkarnierten lernen. Jene sind nicht stolz; alle wollen solche Straße auf sich nehmen. Ich bin sie auch gegangen, und die letzte war nicht leicht.“ (als Patriarch)
„Letzte? Kann man öfter leben?“ „Leicht erkennbar!“ Der andere geht weiter. „Die Entwicklung war des Sturzes wegen keinesfalls auf eine Erde abzustellen. In versunkenen Perioden suchten alle Lichter die Materie auf, die die Erbarmung für die Abgestürzten zubereitet hatte. Die letzte Zeit, sagen wir von Adam ab, bringt die bittere Entscheidung, wo das erste Himmelskind frei und dennoch durch ein Gottesopfer zur Erkenntnis kommen soll.
Alle Kinderpfade sind in Gottes Opferbahn mit eingeschlossen; und jeder Opfernde erträgt des Falles Last. Deshalb sagte ich, daß mein letzter Weg, der zwischen deiner und Adams Straße liegt, ein bitterer, aber um so segensreicherer gewesen ist. Du empfindest auch die Bitternis, weil gerade wir als engste Brüder Hand in Hand dem Höchsten Priester Melchisedek dienen.“
Isa-i bleibt staunend stehen: „Entschuldige bitte, daß ich dich verhalte. Was du sagst, übersteigt meinen Horizont.“ „Nicht ihn“, er klingt es mild, „die Demut mag‘s nicht fassen.“ „Hm, der engste Bruder, eine wahre Lust! Doch als Mensch ist‘s mit der Bruderschaft von mir verfehlt, selbst wenn . . . “ „ . . . wir vorher Brüder waren?“ „So ungefähr.“ „Isa-i, der Geist steht zeitlos über der Materie, wenn auch das Kleid der Erde seine Flamme deckt.“
Da schlägt sich der Prophet an seine Stirn: „Ach Bruder, hast du Geduld mit mir gehabt! Ich habe sie in jener Nacht gesehen, und du und andere waren auch dabei. Nur deinen Namen weiß ich nicht. Magst du ihn mir nicht verraten? Zum andernmale aber gilt für mich: Mir genügt das kleine Licht, das mir Gott für diese Erde gab. Was dem Himmel angehört, will ich lieber drüben lassen; da kann die Welt es nicht verschmutzen.“
Der Himmel umarmt die Erde. „Gib mir deine Hand; ich bin Muriel, einer, der am Lichtherd stehen darf.“ „Ach, so dachte ich. — Wie gnadenreich bist Du, o lieber Vater Zebaoth!“ ruft Isa-i mit Tränen aus. „Endlich kann ich durch den Garten gehn, — und wenn die Quelle kommt . . . “ „ . . . muß hinter dir die Welt versunken sein.“
„Soll ich Gilead vermeiden? Ich kehre um! Mir war der Freunde Reise nicht sehr recht.“ „Sie war gut; GOTT ebnete den Pfad. Auch Elia hat viel Erdenwerk getan.“ „Bruder, hilf mir, richtig handeln“, bittet der Prophet. „Unbesorgt, der Weisheitsträger verfehlt die Straße nicht.“ „Ja, du; — aber ich?“ Muriel lächelt fein: „Ich trage Gottes Priester-Ernst.“ Isa-i geht lange schweigsam Schritt für Schritt; tief kostet er des Vaters Gnade aus.
Vor Samaria fragt Muriel: „Willst du Jerobeam besuchen?“ „Gehst du mit?“ „Nein, er verträgt kaum deinen erdverhüllten Geist, viel weniger ein ungedecktes Licht.“ Isa-i sagt rauh: „Ich will ihn nicht im Fuchsbau stören.“ „Er schrieb die Rolle, die für dich günstig war“, mahnt Muriel. „Gewiß, weil Abjathar den Philisterstreit zu schlichten hat.“
„Komm“, winkt Muriel, „wir kehren heute ein, wo Elia oft zu Gaste war. Dann begleite ich dich bis Mehola.“ „Weiter nicht?“ „Du bist wirklich unbescheiden!“ lächelt Muriel. „Gern, wenn es um Gottes Lichtreich geht.“ Sie nächtigen in der ‚Herberge zur Burg Samaria‘ (Der Thisbiter). Eine steinalte Magd hat den Wirt Som-Hasad noch gekannt, als sie eine junge Dirne war. — — Schnell sammeln sich die Seelen um das Lebensbrot. — — Die Altgemeinden Abel-Mehola und Abel-Gafra sind auf den Beinen. Sereboas hat die Gäste still gemustert; er sieht, daß es mit des Propheten ‚Freund‘ noch eine andere Bewandtnis hat. Von der Siedlung der Sidonier, aus den ehemals fünfzig Priestern (Der Thisbiter) aufgewachsen, eilen viele her, um die beiden Angekommenen zu sehen und zu hören.
Im Garten, wie einst Saphat in der Tenne, läßt Sereboas lange Tafeln richten. Die Freunde helfen wacker mit. Sehr gut, denkt der Hausherr, sie wollen keine Hohen spielen. Nach dem Mahle — es ist ein Wetter wie dazu geschaffen — nimmt jeder seinen kleinen Stuhl und begibt sich auf den nahen Wiesenplan.
Isa-i erzählt aus seinem Leben. Sereboas unterbricht: „Abjathar und Joroham sagten von der Bitternis, die auf deiner Jugend lag. Du bringst lauter frohe Bilder.“ „Haben meine guten Gönner das andere berichtet“, sagt Isa-i, „so ist es recht, davon zu schweigen. Lobt man Gott, wenn man im Trüben fischt? Mir liegt näher, Gottes Güte zu verkünden; und dieser Kreis, von Elia wunderbar gegründet, braucht keine Predigt, die anderen zu gelten hat.“
Auf Sereboas Bitte wiederholt Muriel das Gespräch von unterwegs. In seinen Augen liegt ein Schein, den der Hohepriester Melchisedek ihm zu tragen gab. Jeder wärmt sich an dem hellen Glanz. Er wird bestürmt; man möchte mehr von seinem Wesen wissen. Jeder lauscht ergriffen seinem Wort.
Ein Sidonier fragt: „Mein Ahne, ein Ascherapriester, hatte sich bekehrt. Ist das damals aus der Todesnot geschehen oder durch Elia‘s Geist? Ich meine so“, sucht er zu erklären: „Die Gedanken sind oft uferlos; vieles tut und läßt man, wie man einfach will. Wo fängt die Freiheit an, wo hört sie auf? Ist sie schöpferischer oder bloß geschöpflicher Struktur?“
Isa-i entgegnet: „Freund, das ist ein Problem, das viele Gläubige nicht ahnen. Nicht zuerst gilt das Erkennen, obwohl Erkenntnisse das Leben reifen. Das erdgebundene Leben hat keine andere Freiheit als jene der geschöpflichen Natur. Sieh, dir stünde frei, die Arbeit aufzugeben. Der Gegenschlag natürlicher Entwicklung lautete: Du wirst arm und stirbst am Wegesrand. Ist solcher Wille also wirklich frei? Nein, er fesselt dich ans Ungemach!
Es stand dem Ahnen frei, Elia anzuhören und danach zu tun. Hätte er es unterlassen, konnte ihm Elia auch nicht helfen; und in Sidon wäre er gestorben, ehe seine Zeit verflossen war.“ „Wieso?“ fragt ein anderer dazwischen. „Stehen wir in Gottes Hand, so selbstredend nächst dem inneren doch auch äußerliche Leben.
Es heißt: ‚Er bittet Leben von dir; und du gibst ihm ewigliches Leben‘ (Ps. 21, 5). Weiter: ‚Euer Herz soll ewig leben‘ (Ps. 22, 27). Mag es nur den Geist betreffen, steht doch das Erdenleben auch in Gottes Hand. Wie hätte da der Ahne eher sterben können?“ „Freiheit ist nicht Ungebundensein“, sagt Isa-i. „Man glaubt es so, weil man dies und jenes tut, wie und wann man will. Aber der Erhaltungstrieb, die eigentliche Lebenskraft, bestimmt den Menschen, durch sinngemäße Handlungen gerade diese Lebenskraft sich zu erhalten.
Alle Triebe unterstehen den Gesetzen, die keiner ändern noch umgehen kann. Das sind des Schöpfers UR-Impulse, die Er zum Zwecke der Erhaltung allen Lebenswerken gab. Daran sind wir angebunden, sind in keinem Leben uferlos. Eine Gnade, daß Gesetze unser Dasein segnen! Wie steht es aber um das Innenleben? Der Geist ist frei, er kam als Strahl aus Gottes unerkanntem Licht; unerkannt als der Allmächtige, erkennbar als die Form, die sich Gott der Kinder wegen gab.
Gottes hohe Freiheit schuf das Souveränitätsgesetz als Fundament. Aber in gesetzter Freiheit handelt auch der Kindgeist gottgemäß, wo Gesetz und Freiheit ausgeglichen sind. Lichtgeboren, inkarniert und dann dem Lichte wieder zugehörend, lebt er in der All-Begrenzung des Geschöpflichen im ganzen Raume frei, weil er an und für sich ein Gesetzesträger ist!, ein Funke aus dem Feuermeer, ein Odem (1. Mo. 2, 7) aus dem ATMA schöpferischer Lebensmacht! —
Auf Welten ist die Lichtwahrheit bedeckt. Doch wie reich sie alles Leben macht, ist kaum bekannt. Weniger, weil die inkarnierten Himmlischen im Hilfsopferweg die Lasten besser tragen, lassen sie die Lichtart beinah wie zu Hause, sondern weil der Welt-Seelenteil die Vorhand hat. Auch hier der Ausgleich zwischen Freiheit und Gesetz! Innerhalb des Gesetzesrandes‚ der die Materie begrenzt, kann der Gefallene wie ungebunden handeln. Freilich steht der Freiheit des Gefallenen die Freiheit aller treuen Kinder gegenüber.
Verschließt man sich, so nützt es Satan nichts, und risse er die Mauern seiner Hölle nieder. Da wirkt nicht sein freier Wille, dann wirkt der Kindgeist aus dem Grundgesetz der Schöpfung, aus Auf bau, Richtung, Lauf und Ziel. Doch nur EINER gibt die Hilfe: der HERR ZEBAOTH! Alle Lande sind Seiner Ehre voll! (Jes. 6, 3)
Zwei Gewalten stehn sich gegenüber: Gottes zwingende Macht und der mächtige Zwang der Finsternis! Ist das nicht einerlei, da jedes des andern Eigenart vertritt? Weit gefehlt! Gottes Macht wirkt im Grundgesetz, dessen Fundament die Werknotwendigkeit ergibt, ohne welche kein Geschöpf zum Kinde würde, was der Schöpfer aber tätig (Das Tat-UR-Jahr) vorgesehen hat.
Die treuen Kinder unterstellen aus Erkenntnis sich dem Tätigsein im Schöpfungswerk, die anderen werden unterstellt. Gottes zwingende Macht überläßt die im geschöpflichen Grenzraum ungebundene Freiheit allen Kindern, die im Gebundensein des Lebensgrundgesetzes ihren höchsten Segen haben!
Anders verhält sich der mächtige Zwang der Finsternis. Hier steht der Zwang im Vordergrunde der Materie, soweit ihm nicht ein reiner Geist die Stirne beut. Zwischen beiden Polen gähnt die von Luzifer hervorgerufene Kluft. Die Pole selbst sind nur die Auswirkungen zwischen Licht und Finsternis. Denn Gott ist ja kein Pol, sondern Er ist Grund und Höhe, der Übergrenzraum und dessen Zeit, wie auch das Innere und Äußere von allem Sein.
Pole sind Verankerungen. Stehn sich Gott und Satan gegenüber, nur vom Fall bedingt, dann ist Gott kein Pol, weil zwei Pole eine Masse halten und an sie gebunden sind. Sollte Gott Sich so an die Materie heften? Er erhält sie nur, solang sie Seinen Zwecken dient: der Erlösung aller Wesen von dem mächtigen Zwang der Finsternis durch
Seine zwingende Macht der Opfer-Gnade!
Er hat die ewige Erlösung durch die Tat erfunden (Hebr. 9, 12). Keine Sünde, die nicht Sein Opfer weiß wie Wolle wäscht (Jes. 1, 18)! Wer will, der trete an den Herd. Danach kann er freiherrlich ins Reich die Opfergabe bringen, für Gottes große herzliche Barmherzigkeit! — Und also segnet euch der Vater Zebaoth.“ — Eine helle Sonne strahlt herab, die Natur betet feierlich den Schöpfer an, und die Herzen beten mit. Muriel zeigt auf den engen Kreis der Hörer:
„Ihr gleicht nun einem guten Bild. Zuerst saß jeder wie für sich allein. Freilich wäre auf die Dauer untragbar, würden Menschen wie die Schafe in den Stall gepfercht. Im Lichtgefilde hat ein jeder seinen großen Raum. Trotzdem sind sie alle eingehegt; keines ist dem andern fern. Das ist die Gemeinschaft, die Gott im Lebensgrundgesetz verankert hält. — Durch Elia gab Gott euren Ahnen einen Wink: Seine Offenbarung, die über sie gekommen war. Und so tief wirkte dieser Wink, daß noch heute die Gemeinde lebt.
In Gemeinschaft ist gerade Gottes zwingende Macht zu spüren; denn da herrscht die Führung vor, Sein Priestertum, durch Seine Lehre offenbar. Diese ist — auch wenn es nicht so scheint — ein zwingender Wink, das All-Beherrschende. Es möge aber keiner glauben, daß darin die Macht zum Zwange wird. Hingegen wenn ein Mensch im Nebel an ein Moor gerät, locken Irrlichter ins Verderben. Er will nicht, er merkt es ja; und dennoch unterliegt er meistens diesem bösen Zwang.
Anders Gott! Er winkt in Wort, Tat und liebender Erbarmung. Seine Mühe zwingt. Kein Geschöpf, das ewig Seinem Schöpfer widersteht! Tut ihr dem Bösen immer Gutes, so werdet ihr ihn überwinden. Euere Tat kann ihn bezwingen. Trotz Freiheit muß er diesem Zwange folgen und wird obendrein von seiner Bosheit noch befreit.
Gottes zwingendem Liebewink zu folgen, nimmt euch nur den Freisinn der Materie. Seid ihr an den Liebewink gebunden, so steht ihr frei in Gottes Licht und Herrlichkeit. Ihr hörtet, daß Satanas verführen darf, nicht aber unbedingt verführen kann. Wer sich nicht verführen läßt, hat seinen eigenen Willen souverän gemacht.
Nun die Frage, warum der Ahne hätte eher sterben können, wäre er nach Sidon abgewandert. Daß der Mensch nur zweckgebunden auf der Erde lebt, ist allbekannt; aber nicht, daß in jedem Fall die Dauer sich der Schöpfer vorbehalten hat. Die ‚Stunde‘ zirkelt Er nicht ab, sondern gibt die Vielfältigkeit der Entwicklung her, die sich nach der Zahl der Lebewesen richtet.
Allein kein Lichtgeist forscht nach dieser Zahl. Hätte etwa der bekannte Ahn die Hilfe weggestoßen, war es besser, sein Leben nach der Gottesstunde abzukürzen. Andernfalls hätte er durch vermehrte böse Taten seine Seele weiterhin belastet. Nunmehr lebt er längst in freier Seligkeit.“
„Woher weißt du das?“ fragt der Sidonier. „Ich kenne ihn vom Lichte her“, lächelt Muriel. „Seht, mitten aus dem Leben rafft ein Unglück jemand weg. Da jammert man, warum es zugelassen sei. Was alles Gott vereint, um für einen Gang ein Leben zu erhalten oder abzukürzen, ist nicht anzudeuten. Er prüft den ganzen Weg: was vorher war, die Materie und was nachher werden wird. Daraus formt die weisheitsvolle Güte jene Leibes-todes-stunde, die dem Menschen dienlich ist.
Mose wurde fast zweimal so alt wie Elia. Beide Krüge waren voll. Elia wirkte frei im Geist; Mose, an das Wandervolk geheftet, mußte vielmals weltlich handeln, damit Israel erhalten blieb. Erdenzeit wird umgerechnet und daraus das Ende angesetzt. Groß ist die Gnade, wenn jemand in das Welt-All niedersteigt; größer noch, bringt er den Gewinn zurück. Ob also euer Leben im Alter friedvoll oder eher abgerissen ist, bewirkt das segensvolle Grundgesetz, in das hinein der Schöpfer Seine Tage samt den Kindern stellt!
ER ist uferlos, doch Er wird es nicht. Das Geschöpf hat seine Grenze; es würde ohne Gottes Willen uferlos versinken. Sich daher in die heilige Allmächtigkeit begeben, sich durch ihre Winke zwingend führen lassen, in der hehren Uferlosigkeit die Insel haben, macht die Kinder frei in und unter Gottes Hand! Fragt weniger, warum dies oder jenes so geschieht; glaubt vielmehr an des Schöpfers heilsgewohnte Wunderdinge, die Er für jedes Kind zum Segens-faden knüpft.
Dann glüht in euch der Funke aus der Flamme,
dann seid ihr Strahl vom unerkannten Licht;
und also offenbart sich Gottes Vaterwesen,
und geistig wandelt ihr vor Seinem Angesicht!“
Sereboas reicht Muriel und Isa-i stumm die Hand. Zur Gemeinde sagt er tiefbewegt: „Freunde, ein jeder gehe in sein Kämmerlein, (Matt. 6, 6) und verwahre erst die Kostbarkeit, die GOTT durch Seine guten Knechte bringen ließ. Kommt am Abend wieder; dann besprechen wir, was euer Herz bewegt.“ — Muriel gibt Sereboas gute Winke, die Gemeinde stark zu machen. Sogar die Praxis kommt zum Wort. —
Abends sitzt man in der Saphattenne, wie sie vom Erbauer her den Namen trägt. Freundlich redet Isa-i, Muriel geht auf alles ein, was vorgetragen wird. Die Nacht faltet ihre Flügel, als der Abschied naht. Ein Morgen taut hernieder, seltenst so erlebt, um so freudiger begrüßt.
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