Der Prophet in Gilead. Ein Balken, ein Verbrecher und wie GOTT alles wandeln kann
26. Kapitel
„Richter, der Prophet!“ Ein Büttel stürmt zu Jussbala herein, der vor einer Stänkersache sitzt, die ihn arg verdrießt. ‚O Israel, wie weit bist du von deinem Weg entfernt!‘ Nun treibt die frohe Kunde allen Mißmut fort.
Er schmeißt die Rolle in den Kasten. „Gib mir den Mantel und den Hut! Wenn wer kommt, — ich bin erst morgen wieder da.“ Eine Münze fällt in des Knechtes Hand. Der lacht: „Ich helfe mir; Zankhähne . . .“ „ . . . treibst du auseinander; es braucht nicht immer mit dem Spieß zu sein.“ „Für so was ist er doch gemacht?“ tut der Knecht verwundert. „Noch etwas: Hassmas ist krank oder faul, er steht nicht auf und nimmt lieber ein paar Püffe hin.“
„Hole unsern Doktor, morgen sehe ich nach ihm.“ „Solch Erzlump könnte eine Rute lecken. Die Judäer waren viel zu feine Richter; die haben sicher kein so böses Kraut in ihren Kerkern blühn.“ Trotzdem bringt der Büttel dem Gefangenen einen frischen Trunk und Brot. Hassmas merkt es kaum. Sein Blut hämmert in den Ohren; das Bündlein Stroh, auf dem er liegt, schützt vor dem feuchten Boden nicht. — Isa-i steht auf dem Söller seines Hauses. Der Eltern Magd, nun mehr alt, hat sich eingefunden. Ihre Tränen fließen wie ein Strom. Eine Nachbarstochter möchte gern im Hause dienen, erzählt sie gleich. „Wir werden sehen, wie sich regeln läßt.“ Isa-i hatte ihre welke Hand gestreichelt. Dankend faltet er die Hände. Ihm gilt nicht das Irdische; nur daß die Eltern wieder ihre Ehre haben, macht ihn froh. Da verändert sich das Bild. Noch sieht es wie sein Garten aus, aber himmlisch dehnt er sich in Blüte und in voller Frucht. Er sieht Gestalten wandeln, und ihm ist, als wäre er dabei.
„O Vater Zebaoth“, er erschauert, „es ist ein anderer Garten. Denn so viel Herrlichkeit, das habe ich noch nicht erreicht. Es ist Dein Paradies, darin ich wandeln darf. Führe mich an Deine Quelle; lehre mich aus Deinem Lichte schöpfen; laß die Fackel brennen, damit ich Zeuge Deiner Wahrheit bin.“ Da sieht er Gottes Hohes Licht, sein kleines Licht daneben. Welche Seligkeit! Er ist fern der Welt.
Die Alte rührt ihn zaghaft an: „Herr, der Richter ist gekommen, und die Nachbarin war auch schon zweimal da. Ich wollte dich nicht stören.“ „Du tatest recht“, entgegnet der Prophet. „Die erste Stunde mußte mir gehören.“
„Ja, Herr; doch den Richter wollte ich nicht warten lassen.“ Isa-i umarmt die Treue: „GOTT ist dein Herr! Nenne mich bei meinem Namen.“ Die Magd reibt sich die Augen: „Du bist deiner guten Eltern guter Sohn!“ „Kannst du ein Essen zubereiten?“ „Schon fertig“, kichert sie, „der Richter kann zur Tafel kommen.“ In der Haushalle wartet Jussbala und dreht verlegen seinen Hut. Ein fester Händedruck, ein heller Blick nehmen ihn gefangen. Er verneigt sich freudig, fragt jedoch der Ordnung wegen:
„Du bist Isa-i, des Amoz und der Sikha Sohn?“ „ja! Mich freut, daß du gekommen bist, Richter Jussbala, ich hätte dich sonst morgen aufgesucht.“ „Verzeih mir“, lacht der Gileader, „Freude und Neugier brachten mich in Trab.“ Isa-i lacht heiter mit: „Sei mein Gast, wenn es dir beliebt.“ „Vielen Dank und gerne angenommen.“
Haggith trägt viele Schüsseln auf, bis Isa-i verwundert fragt, wer noch käme, er wolle mit dem Richter Nötiges besprechen. „Niemand sonst“, sagt die Magd. „Du hast lange nichts gegessen.“ „Deine Treue ist zu loben, der Eifer . . . Na, die Nachbarn können unsre Schüsseln leeren helfen. Hole dir die Kleine, etwa . . . Was meinst du, Jussbala, ob das Haus es trägt?“
„Ohne Weiteres; und“, er stockt verlegen, „ich möchte — möchte gern in diesem Haus amtieren. Hat es Joroham gesagt?“ „Jawohl; mir genügt ja eine Kammer und der halbe Söller. Vom Land genieße, was du brauchst. Auch Haggith soll ihren Anteil haben. Ein Zehntel vom Ertrag gehört Naemi. Deren Eltern und Familie waren unserm Hause treu. Ein Zehnt gehört der Armenkasse. Alles andere verwalte nach dem Recht; ich vertraue dir.“
Jussbala ist treuhänderisch genau. Isa-i braucht niemals zu bereuen, sein Vertrauen hergeschenkt zu haben. Nur die schlichte Art, wie er es tut — Der Richter kommt mit den Gedanken nicht sehr weit. „Gott sieht den Bund“, sagt der Prophet, „den wir miteinander schließen. Auch steht Abjathars Urteil über dich sehr hoch im Wert.
Es ist Gottes Wille, daß ich von Ihm Zeuge. Nun — Er gibt die Fähigkeit dazu, ohne welche all mein Können eine schmale Wasserrinne bliebe. Ginge ich bei dir ins Garn, so könnte ich nur sagen: Fahre hin, du arme Welt, denn wie bald verfliegt dein Wert! — Halte ich ihn fest, wenn die letzte Lebensstunde schlägt? Und zieh‘ ich ohne Tasche durch das Land (Luk. 22, 35), so würde Gott mich speisen wie Elia einst am Bache Krith (1. Kön. 17, 3-4).
Schreibe eine Tafel, dann bist du geschützt. Glaube mir, sobald du eingezogen bist, werden freche Spatzen schilpen: Da seht, wie er sich ins warme Nest geschmuggelt hat! Laß sie reden, Jussbala; ein Anderer hält die Hände über dich. Würde man beim König hetzen, so wäre dann die Schrift dein Schutz.“
„Ich dachte, Propheten laufen wie neugeborene Kinder ‘rum; und nur vom Göttlichen wüßten sie Bescheid. Wie gut, daß du irdisch wacker bist. Elia, von dem Sereboas viel erzählte, hätte fleißig mitgeschafft, gleichgültig was es war. Mir imponierte das, weil wir auf der Erde nicht im Himmel leben und das Wort bedenken müssen: ‚Du sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichtes essen‘ (1. Mo. 3, 19). Hinter diesem Flammenwort versank das Paradies.“ „Du denkst nach“, lobt Isa-i und berichtet, daß er sechs Werktitel besitzt, worüber Jussbala erstaunt. Sie ordnen dann das Haus.
Ungeduldig fragt Naemi schon zum dritten Male an, ob sie Isa-i begrüßen dürfe. Sie erkennt in ihm den kleinen Jungen und wie Frauen einmal sind: sie weint. Es wird abgemacht, daß ihre jüngste Tochter in den Hausdienst tritt. „Nicht als Magd“, sagt Isa-i „als Kind, das zum Haus gehört.“ Darüber ist Naemi froh.
Bald erscheint auch die Familie, voran der Ahn, der heute hurtig humpelt. Sein Enkel neckt: „Du springst ja wie ein Füllen!“ „Es ist mir so zumute.“ Als er aber Isa-i begrüßt, bleibt er beim stummen Händedruck und einer Träne, die im weißen Barte glitzert. Naemis Bruder ruft erfreut: „Endlich gute Nachbarschaft; mit Hassmas war bös Kirschen essen.“ Fast alle lernen Isa-i kennen; doch wie allerorts — man versteht sich gleich.
Der Alte sagt: „Das noch zu erleben, weiß ich kaum dem Herrn zu danken. Ich hoffte es von Jahr zu Jahr: ‚Des Amoz und der Sikha Sohn kommt wieder, er kann nicht verschollen sein. Ein Sohn, von solcher Priesterin geboren, hat seine Straße zu erfüllen, die ganz Israel durchzieht und — einmal noch die ganze Welt.‘“
„So ein Glaube!“ Jussbala ereifert sich. „Nur was die ganze Welt betrifft, beschränke ich mich auf die nahen Länder. Außer Gott kann keiner sie erforschen (damals). Und Er braucht es nicht, Er hat sie ja gemacht. Was wir von ihr wissen, ist wie ein Lendentuch. Schwer, sich ohne Kenntnis etwas vorzustellen.“ Isa-i führt die Gäste auf den Söller, um das Verglühen dieses schönen Tages vor dem zweiten Mahle zu genießen. Oben setzt er ihre Unterhaltung fort:
„Liebe Freunde“, seine Stimme läutet, „was Gott sendet, sei es Sein Licht als Gnade oder in Person, sei es das Wort aus Seinem Munde oder durch Verkündende, erscheint im Lichte ebenfalls. Ihr fragt, ob irgendwo im Raum — falls es anderwärts noch Menschen gäbe — sich das Gleiche offenbart, ob überall wie hier auf Erden solche Unzulänglichkeit besteht.
Es gäbe wenig Segen, wäre Gottes Wort ein Buchstabenwerk. Was Er offenbart, erhalten — ob gleich, früher oder später — jene Welten, deren Menschen weiter als auf unserer Erde sind. Stufenweise, immer feiner, zeigt sich die Enthüllung in den Sphären bis zum höchsten Himmels-All. Dort wird nur für die gleiche Offenbarung eine Sprache angewendet, die uns unbegreiflich ist (Job. 3, 12),
Durch alle Lande eilen Gottes Worte; und ich sage euch: Ob Israel versinkt, der Tempel samt den Büchern eingeäschert wird, die Reiche sterben oder nur noch Schatten sind, — GOTTES OFFENBARUNG bleibt, von Mose angefangen bis Er Selber kommt, und noch Tieferes, es bleibt für die ganze Welt gewiß. Nichts wird IHM verloren sein!
Bilder bleiben, wenn sich Sprachen wandeln; aus Bildern steigt die Wahrheit auf. Hängt man der Zukunft unsre Zeit bis Adam an, dann geht das Wort der Gnade über alle Welt. Der Brunnen bleibt derselbe; nur die Gefäße ändern sich. Bleibt nicht das Wasser was es ist, ob mit einem Log oder einem Kad geschöpft? Desgleichen Gottes Wort! Wer am Weltbuchstaben hängen bleibt, ist geistig tot (2. Kor. 3, 6).
Wir übersehen unsre ach so winzig kleine Erde nicht. Sie ist als ‚Ephrata‘ (Micha 5, 1) erkoren, um die Gefallenen bis zu ihrem ersten Himmelsstande aufzurichten. Doch nicht die Erde bringt Befreiung. Nein — das geht vom Schöpfer-Vater aus! Er kann den Segen über eine Sonne leiten oder über einen Mond. Nicht etwa, weil man Mensch der Erde ist, könnte man dem Licht am nächsten sein. Nur in GOTTES Nähe wohnen Himmel, Herrlichkeit und Ephrata zugleich!
Was die Welt an All-Strahl und vom Sonnenlicht verzehrt (S. 70, 1), werden Menschen niemals ganz erforschen. Wohl, der Planet gibt die verbrauchten Stoffe ab, die teils durch Feuer, Wasser, Beben und Orkane ungesehen in das Raum-All dringen, wo sie wieder segensreicher Grundstoff werden. Gottes Hand ist reicher angefüllt, als daß nur unsere Erde Seine Hilfe hätte. Denn alle Himmelslichter sind Sein Eigentum! Sind wir, wie Menschen anderer Welten, gläubig mit dem Herrn vereint, so steht jedermann in Seiner Huld.
Er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst (Jes. 9, 5), ein ERLÖSER allen, die als verlorene Ähren aufzulesen sind, wie jenen, die die Ähren auf dem Felde sammeln. Gilt nur unsre Zeit? Gilt die kommende, oder die schon längst versunken ist? Was steht hinter Gottes Rücken, was vor Seinem Angesicht, daß nicht beides Anfang und auch Ende eines Werkes würde?!
Wir und mehr als vierzig Glieder je zurück und vor sind ein Ring an Gottes rechter Hand, Seiner Rechtshand. Oder so: Jedes Kind ist ein Blatt am Schöpferbaum. Welches ist nun besser: das vom unteren Ast oder aus dem Wipfel? Daher seht in Demut euer Leben an, laßt Gottes Güte auf euch regnen.
Weder Raum noch Zeit, wo nicht Versöhnung uns beschattet! Ich weiß kaum zu danken, sagt der Ahn. Das ist das beste Maß, in das wir Dank und Liebe füllen. Oft schwillt das Herz, der Geist fliegt hoch, doch der arme Seelenteil liegt lahm. Aber ob wir murmeln oder jubilieren, anbetend knien oder unsern Blick nicht aufzuheben wagen, — alles liegt in diesem Kaum, wenn wir so vor Gottes Altar treten.
Denn wo der Dank das Kaum nicht füllt, da ist die Liebe nur das kleine Lendentuch, von dem Freund Jussbala geredet hat. Merkt alle auf: ‚Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken, und lobsingen Seinem Namen!‘ (Ps. 92, 2) Ja, bittet, um ein Ring an Gottes Hand zu werden; betet‚ bis sich Gottes Geist herniedersenkt; fürbitten sei euer Dienst mit Dank beendet jede Tat (1. Tim. 2, 1). Wie ihr von euren Engeln hochgehoben werdet, also sollt ihr allen armen Seelen und den armen Menschen helfen, weil nur das Gute, anderen getan, die eigene Unzulänglichkeit bezahlt.
Danken wir und lassen GOTT durch Seine Boten preisen; sie füllen unser ‚Kaum‘ bis obenhin. Daraus fließt des Geistes Ehrendank, an dem die Seele ihren Anteil hat. Das ist der Ring, dessen Anfang ‚Licht-Heilig‘ heißt, dessen Weg durch die Materie geht, und des Ende durch den Anfang alle Wesen in die Gottheit führt. Von dort sind wir gekommen, dort ist unser Ziel!
Kein Kind hat einen anderen Weg, schiene gleich die Richtung wie verloren, der Lauf gebogen und gekrümmt. Wir haben Gottes Odem, in uns erblickt Er Seiner Werke Herrlichkeit! Unser Denken, Sprechen, Handeln hat nur dann die Folge in der Ewigkeit, wenn wir Ihm zur Freude leben, für unsern Ewig-Vater in Demut, Liebe, Anbetung und Dank. Alle Lande sind Seiner Ehre voll!“
Wie ein Echo aus den vier Ecken, wo die Engel stehen (OJ. 7, 1), hallt es nach. Wer spürt die Priesterin, die auf leichten Sohlen durch die Räume wandelt? Jussbala umarmt Isa-i: „Das war ein Gottesdienst! Jetzt weiß ich erst, warum ich Mensch geworden bin. Und der Ring — Wenn du meinst, ich könne Schäflein sammeln, wie Sereboas aus Elias Zeit, obwohl ich Richter bin und . . .
„Gott will‘s mit dir versuchen. Richter sollen Krummes gerade richten. Du erfährst es morgen früh, ob Er mit dir zufrieden ist.“ Jussbala lacht ungewiß. „Abraham hat auch gelacht (1. Mo. 17, 17); doch Gottes Wort ist an ihm wahr geworden.“ „An diesem“, erwidert jener langgedehnt, „kein Vergleich!“ „Wohl; aber zwischen GOTTES Wort an Abraham und dich.“ „O, ich will glücklich sein, wenn mir wenigstens das ‚Kaum‘ gelingt.“ „Das genügt.“
Haggith trägt die Mahlzeit auf. „Komisch“, sagt Naemis Bruder, „ich dachte, nach der wunderbaren Lehre würde man am liebsten gar nicht essen. Doch mir schmeckt es wie noch nie.“ „Solange man nicht praßt“, Isa-i reicht die Speisen zu, „gibt Gott gern den Segen für den Leib. Doch mehr Segen würde sich enthüllen, wenn der Mensch die Dankbarkeit als Opfer brächte.
‚Solang die Erde steht, soll nicht aufhören Saat, Ernte, Frost, Hitze, Sommer, Winter, Tag und Nacht‘ (1. Mo. 8. 22), hat nicht bloß natürliche Bedeutung. Es gab oft bitterarme Jahre. ‚Ich will die Erde nicht mehr verfluchen um der Menschen willen‘, kann kaum der Hohepriester deuten. Ja — GOTT will‘s nicht mehr tun! Man verdirbt sich seinen Acker selbst. Also ist‘s nicht Gottes Sache, wenn die Erde öfter ihre Menschen straft.
Seht, Pharao nach Josephs Zeit fiel wieder in den Totenkult zurück und sündigte am Land und an den Menschen.“ (2. Mo. 1, 8-22) „War das nicht Gottes Wille?“ fragt Jussbala. „ER ließ ja auch die dürren Jahre durch Elia kommen. Wie hängt‘s zusammen, daß Menschen dieses taten, Gott jedoch die Kraft dazu gegeben hat?“
„Freund, die Erde bleibt das Eigentum des Herrn! Die von Menschen aufgebrachten Katastrophen steigen erst zu Ihm empor. Sieht Er aber anders darauf nieder als in Langmut und Barmherzigkeit? Durch Seinen Willen fällt von allen Übeln nur ein Teilchen auf die Welt zurück. Elia riegelte den Himmel sieben halbe Jahre zu; doch ab Salomo bis Ahab waren siebzig üble Jahre. Also bleibt das Segenswort zu Gottes Recht, wie er einst zu Noah sprach.“
Der Alte flammt förmlich: „Welche Herrlichkeit! Da gehen einem ja die Augen auf für das, was falsch gedeutet wird.“ „Gewiß“, erwidert Isa-i. „Kommt, laßt uns ins Zimmer gehen, in welchem meine Mutter priesterte.“ Diesen Raum, der sonderbarerweise noch den Charakter Sikhas trägt, hatte er sich vorbehalten und die Geräte mit raschen Griffen so gestellt, wie ihm die Erinnerung geblieben war. Schöne Öllampen aus ihrer Heimat schmücken und erhellen.
„Man sagt Gesetz und meint die Satzung. Jussbala war es manchmal schwer, ein Strafmaß zu bestimmen, bei dem ein halbes Unrecht Richter war.“ „Genau! Ich wollte oft den Bettel von mir werfen“, bestätigt Jussbala. „Verstehe ich,“ nickt der Ahn. Isa-i fragt: „Wißt ihr, wie es Gott zumute ist, wenn Er richtet? Die väterliche Freundlichkeit will helfen und muß so oft die Rute zeigen, damit Gerechtigkeit im Zepter bleibt! Aber Recht, Gerechtigkeit, Milde, Strenge, Lehre, Strafe und Erbarmung können Teile eines Urteiles sein.
Mose schälte jede Satzung aus des Herrn Gesetz heraus. Bitter war, Selbstverständlichkeiten anzuordnen. Aber vierzig Jahre durch die harte Wüste forderten ein Satzungsbuch, das Gerechtigkeit und Recht (Jes. 1, 17) enthielt. Mose hätte gern gesehen, die Zehn Gebote hätten ausgereicht, um ein treues Volk nach Kanaan zu leiten.
Nicht Gott, nicht Mose, nur des Volkes Widersetzlichkeit rief das Satzungsbuch hervor. Richter, in deren Händen außer der Gerechtigkeit die Hilfe ruht, die einem Bösen zugegeben werden kann, werden in der Satzung — sofern sie allerdings noch eine echte Mosesatzung ist — ein Gottgebot von Sinai erkennen.
Man muß Gesetz und Satzung unterscheiden. Die Zehn Gebote haben Gültigkeit im ganzen All; Satzungen als Hilfsstützpunkte haben jede Welt für sich. Hältst du, Jussbala dich ans Gesetz, so kann keine Satzung dich verwirren. Die zwei Gesetzestafeln zeigen außerdem: Den Allmächtigen lieben und an Ihn glauben; ferner für die Nächsten bitten, worin die wahre, dienstbereite Nächstenliebe ihre Nahrung hat. (5. Mo. 6, 5; 3. Mo. 19, 18; Matt. 22, 37-40; Luk. 10, 27-37)
Wer das tut, dem graviert Gott Seine Zehn Gebote unauslöschlich fest ins Herz! Der braucht nicht zu zirkeln; denn im Lichtmaß der Gebote wird er menschgemäß das Beste treffen. Gott gibt das Seine gnadenvoll hinzu.“ „Tut Er das“, atmet Jussbala befreit, „will ich gern mein Amt behalten. Sonst — “ Er erzählt, wie sich seit langem zweie wegen eines Balkens streiten.
Isa-i ratet: „Sag‘ den Streitern: ‚Salomo hat den Balken wegzunehmen anbefohlen, er wird zu einem Synagogenbau benutzt!‘ Du sollst sehen, wie der Streit vergeht. Ist das Anrecht eines kleinen Streitobjektes nicht in Kürze nachzuweisen, dann verfahre immer so. Bald wird sich keiner mehr nach Kieselsteinchen bücken.“
„Der Rat ist Goldes wert!“ jubelt Jussbala. „Wartet, Freundchen, euch soll geholfen werden! Viele solcher Sachen liegen vor; ekelhaft, wie ‚erwählte Söhne‘ sich um Splitter balgen.“ „Beruhige dich; die Menschen kleben an der Welt. Erst kommt das goldene Kalb und dann der Herr! Kein Wunder, wenn der Satan grinst.“
Es ist tiefe Nacht. Haggith schläft. Eifrig war sie den ganzen Tag umhergerannt. „Sie soll nicht schaffen“, meldet sich die junge Magd, „nur muß ich mich erst eingewöhnen.“ Isa-i streichelt ihre Wange: „Kein Baum fällt auf den ersten Hieb; sei fleißig, treu und brav.“ „Wir brauchen einen Knecht“, schlägt der Richter vor. „Tue, wie du es für richtig hältst“, willigt Isa-i ein. —
In der Frühe warten am Gehege viele Leute, die um des Propheten Segen flehen, einer für sein krankes Kind. Soll er priestern, kaum daß die Eltern ihre Ehre wiederhaben? Da — ein Licht: Sikha und Amoz sind gekommen. Also wird es Gottes Wille sein. Er geht mit. Nun liegt seine Hand auf der fieberheißen Stirn des Kindes. Er nennt Kräuter, teils als Trank, teils als laues Bad. „Tue das vier Tage“, gebietet er der Mutter, die zitternd bei ihm steht, „dann ist dein Kind gesund. Glaubst du das?“
„Ich glaube es.“ Der Mann bekennt: „Ich dachte, du brauchtest nur ein Wort zu sagen (Matt. 8,8). Aber“, zögert er, „Gott will meinen Glauben prüfen.“ Isa-is Augen glänzen. „Er ist bewährt! Morgen sehe ich herein.“ Die Dankbarkeit ist groß. „Dürfen wir dir eine Freude machen? Hier — ein Krug; mein Vater hat ihn selbst geformt.“ Auf einem Wandgestell steht ein schöner Wasserkrug.
„Für eine Hilfe dankt man Gott! Gelobtest du, Ihm mit deinem Haus zu dienen (Jos. 24, 15)?“ „Wohl, nur leider nicht sehr eingehalten“, gibt der Befragte offen zu. „Halte es von nun an.“ „Wir wollten dich nicht kränken“, die Frau stellt den Krug betrübt an seinen Platz zurück. Das tut Isa-i leid. „Gib“, sagt er, „ihr sollt nicht traurig sein. Ansonst will ich keine Gabe haben, außer — ich trete gern an einen Tisch.“ „Ich trage ihn dir hin“, erbietet sich der Mann, „und wir danken dir, daß du die Freude angenommen hast.“ — —
Jussbala geht ungeduldig hin und her. Als Isa-i endlich kommt, umarmt er ihn voll Freude: „Denk‘ nur, was geschehen ist: Zwei Zeichen gab der Herr! Die vom Nachbarflecken brachten heute ihren Balken schwitzend an. Deinen Rat befolgend, fragten sie, ob ich mit Salomo gesprochen hätte wie die Endorfrau mit Samuel — (1. Sam. 28, 7) Vor Schreck waren sie ganz bleich. Sie ließen ihre Stange stehen und schlugen ihre Feindschaft tot. Verbrüdert sind sie abgezogen. Ist das nicht ein feiner Sieg?“
„O, sehr!“ freut sich Isa-i. „Und das andere Zeichen?“ „Geschah beim halben Teufel, der Hassmas heißt. Die Zelle . . . “ Schuldbewußt senkt Jussbala den Kopf. „Weißt du, Isa-i“, sagt er zögernd, „das Gefangenenhaus hat unser erster Stadtknecht über. Der Steinboden ist ganz feucht, und die Gefangenen bekommen selten frisches Stroh. Hassmas hat die Atemnot (Lunge).
Als ich zu ihm kam, erschrak ich selbst. Ich brachte ihn in eine Kammer. Auf einmal weinte er, schrecklich, wie ein Kind, verfluchte seine Eltern, und es wäre ihm nie wohl in Amoz Haus gewesen. Geister hätten ihn geplagt. Er wäre froh, wenn er sterben müsse, dann wäre alle Schlechtigkeit vorbei. Nur eines mache ihn besorgt: er hätte einen Sohn, der treibe sich bei fremden Leuten ‘rum und sei böse wie sein Vater und sein Ahn. Ob man dem helfen könne.“ Der Richter wandert wieder auf und ab.
„Die Reue ist ein gutes Zeichen“, sagt Isa-i. „Vielleicht kann er am Leben bleiben; nicht selten ist es besser, wenn das Jenseits weiterschult. Laß den Buben suchen. Wie alt ist er denn?“ „Hassmas gab etwa vierzehn Jahre an.“ „Schon spät, um ein krummes Bäumlein aufzurichten. Beten, strenge Zucht und gute Worte können helfen. Wir wollen jetzt zu Hassmas gehen.“
Dem flößt der Doktor eben etwas ein. Hassmas duckt sich, als er hört, des Amoz Sohn sei angekommen. „O weh, das Gericht!“ kreischt er laut. „Nicht unbedingt; das kommt darauf an, wie du dich verhältst“, sagt Isa-i absichtlich streng. „Ach, es ist ja gleich, ich muß sterben“, ächzt der Kranke.
„Willst du gerne sterben?“ fragt der Prophet. „Wollen —— ? Keiner will es, wenn es an das Letzte geht. Lieber im Gefängnis! Denn was hätte ich davon, würde ich befreit? Kein Mensch gäbe mir ein Brot oder Obdach, niemand Arbeit noch Verdienst; ich müßte wie ein Vieh verrecken.“
„Du warst als Kind zu jeder Übeltat bereit. Alles mußt du selbst bezahlen, da steht keiner zwischen Gott und dir.“ „Keiner?“ Hohler Husten nimmt dem Gefangenen den Atem fort. Isa-i hilft freundlich. „Nein, keiner“, erwidert er. „Gott sieht aber auch, wenn einer Reue zeigt und sein Unrecht gutzumachen sucht.“
„Kann ich dir die Jahre wiedergeben, die der Alte dir gestohlen hat? Ich war auch dabei.“ Hassmas stöhnt. Isa-i sagt sanft: „Die Jahre sind nicht einzubringen, und ein Unrecht bleibt getan. Man kann sich aber dienstbar Mühe geben, um die Schuld auf diese Weise abzuzahlen. Möchtest du das ernstlich tun, so hilft der Herr, und du findest Arbeit und dein Brot.“
Der Kranke keucht: „Ich weiß nicht, ob ich‘s kann.“ Ein kleines Lächeln verschönt fast das häßliche Gesicht. „GOTT will‘s mit dir versuchen, wenn Er auch viel Langmut aufzuwenden hat für dich und deinen Sohn.“ „Mein Sohn? Ah! Wenn der nur nicht so elend sterben brauchte, daß kein Priester ihm verzeiht und . . .“
„Kein anderer tilgt die Missetat als nur der Herr! Hassmas, du wirst gesund. Dann sei mir ein treuer Knecht, und ich will deinem Sohn ein Vater sein.“ Wie ist der zu Tod Erschöpfte auf die Knie gekommen? „O, ihr erbarmt euch meiner? Und alle Bürde, die mir tags den Atem nahm, mich nächtens schrecklich jagte, kann ausgeglichen werden? Sei gewiß, Prophet des Herrn, ich werde . . . “ Er fällt in seinen Fieberwahn zurück.
„Pflegt ihn“, gebietet Isa-i, „bald wird er gesund. Im Felde kann er eine Hütte bauen, und was es kostet, bezahle ich.“ „Die Hälfte kommt auf mich“, berichtigt Jussbala. — Der Knabe wird gesucht. Ein Stadtknecht bringt ihn ein, verwahrlost, dreckig und wild wie ein Schakal. Es kostet Mühe, ihn zu bändigen. Isa-i wird mit ihm fertig. Ganz Gilead spricht von einem Wunder, — so wandelt sich das böse Blut. Fast hündisch treu hängt der Knabe dem Propheten an und ist traurig, daß er zunächst in Gilead verbleiben muß. „In wenig Jahren darfst du immer mit mir wandern“, tröstet Isa-i.
Man führt ihm viele Kinder zu, die er von Krankheit oder mancher Unart heilen soll. Mit welcher Freude tut er das. Sein Wesen ist ja heilandsgleich; und die Kleinen, meist voll Angst, manche sogar tückisch, werden brav und gehorchen ihm aufs Wort. Alt und jung, mit und ohne Krankheit, seelischer und körperlicher Mühsal, finden jeden Tag den Weg in Amoz Haus.
Ein Glaubensring wird geschmiedet; sogar der Synagogenpriester ist dabei. Mit Dank im Herzen, der sich kaum ermessen läßt, wandert Isa-i zurück. Er war einen Monat lang in Gilead. — In Abel-Mehola bleibt er zwei Tage, auch in Samaria. Danach treibt es ihn, die Unrast zwar dem Herrn vertraut, nach Jerusalem. Ihm ist, als riefen Diblaim und Jarath ihn herbei. Südwärts jagt ein schnelles Pferd.
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