← Zurück zu „Gedichte“

71. Post nubila Phöbus

(Nach dem Nebel kommt die Sonne.)

    JL.Gedi.071,01] So weit und warm die Sonne scheint,
    Wo find’t sie den, der’s ehrlich meint?
    Der Eine falsch, der And’re hohl,
    Die Welt lieblos, man weiß es wohl;

    JL.Gedi.071,02] Die Wahrheit eine Wittwe, nicht?
    Und wo ist, der da für sie spricht?
    Ein Rennen, Jagen, fort und fort,
    Vergessend ganz das Gotteswort!

    JL.Gedi.071,03] Sie schmieden oft gar frechen Scherz
    Zur falschen Münz auch’s blinde Herz;
    Darum der Himmel oft verhüllt,
    Und sich sein Aug‘ mit Tränen füllt;

    JL.Gedi.071,04] Es muß ihm selbst am Ende grauen,
    Dieß arme Leben anzuschauen.
    Warum dem Herzen dann so leicht
    Schon wenn der Wolkenschleier weicht,

    JL.Gedi.071,05] Der ew’ge Dom blau aufgetan,
    Uns Sterbliche schaut freundlich an?
    Ist es die Wärme? Sonnenschein?
    Was uns so sehr erquickt? – O nein!

    JL.Gedi.071,06] Ach, ein Geheimniß froh bestellt,
    Das alter Glaube noch erhält. –
    Still Herz, noch lebt der alte Gott;
    Das Licht besiegt den Trug, den Spott!

    JL.Gedi.071,07] Darum die Sonn‘ so golden scheint:
    Sie Einen fand, der’s ehrlich meine!

    – – – – – – – – – – – – – – – – – –

    JL.Gedi.071,08] Was will ich denn mit dem Gedicht?
    Bemessen etwa’s Weltgericht?
    O nein! es ist nur diese Zeit,
    Die nicht der Menschen Herz erfreut;

    JL.Gedi.071,09] Doch hinter Bergen – hab’s erschaut,
    Wie schon ein neuer Morgen graut!
    Darum sei still, mein Herz, sei still!
    Also gescheh’s, wie’s Einer will!

← Zurück zu „Gedichte“