Kapitel 16
Erwachend und gleich wieder fort in hehrer Höhe, erkennt Daniel den ersten Teil des Bildes, fragt aber einen Himmlischen, wie es weiterginge. Dieser mahnt: „Warte ab; du erhältst, was die Großen bisher sahen und den Späteren sich offenbart. Sieht zwar jeder anders, so ist dennoch alles, aus des Lichtes UR-Grund kommend, ein gesamtes Bild, nämlich das des sechsten Schöpfungstages, was zuvor geschehen war und was nach des Abends Seligkeit noch kommen wird:‘ Es folgt die zweite Schau.
Die Materie gleicht einer dunklen Nacht; oberhalb wölbt sich ein heller Tag, eine Helligkeit, wie der Prophet noch niemals sah. In dieser Helle bildet sich ein lichter Punkt, der sich wie zu einer weißen Wolke formt: Licht im Licht, den Menschen unverständlich. Wie ein Schiff fährt sie daher. Auf diesem steht der Kapitän. So dünkt es Daniel zu sein.
Die Gestalt sieht wie der ‚Alte‘ aus und wie ein Mensch. Es sind unbekannte Himmelshände, die ‚IHN‘ vor den Alten bringen, über dem jetzt eine Krone leuchtet, in ihr sechs andere Zeichen, und über der ‚Gestalt‘ ein Kreuz, das im Kronlicht mit enthalten ist. Er hört den wunderbaren Alten sprechen, indem Er der Gestalt das Kreuz in beide Hände gibt:
„Meine Liebe, du trägst die Gewalt, den dritten UR-Teil aus dem Herzen Meiner Herrlichkeit! Du sollst in der Versöhnung wie ein Sendling sein. Meine Liebe, ewig warst du Mir zu eigen und wirst auch als ‚Menschensohn‘ Mein Anteil bleiben; nur hinausgestellt, um zu versöhnen, und wieder von MIR eingenommen nach dem ewigen VOLLBRACHT als einer Meiner sieben Geister, Leuchter, Fackeln und der Sterne, die Ich allesamt in Meiner Rechten halte: zu Meinem ewig-hohen RECHT!
Der Sühne wegen sollst du angebetet sein; denn das Reich gehört dem Kindervolk. Meine Ehre, allein in Ewigkeit besitzend, lege Ich auf dich wie eine Krone. Du Meine Liebe, Regent des sechsten Tages vom ersten Morgenglühen an, regierst auch bis zur letzten Abenddämmerung. Was sich in diesem Tag gebildet hat und bilden wird, das untersteht dir als der Sühne, als dem Sohn, der die Versöhnung aus der Liebe bringt.
So viel es Kinder gibt, so viele Male soll die Liebe angebetet sein. Das gilt zeitgemäß nicht erst, wenn dieser ärmsten Welt die Sühnestunde schlägt (mit Jesu), sondern schon am Tage der Geduld zeigte Ich sie her als Zeichen der Versöhnung, wenn sie nötig werden sollte. Das merke dir, Seher, und verschließe es in dir; die Zeit für diese Welt ist noch nicht reif.“
Erschrickt Daniel, weil er das schaun und hören darf? Er weiß von vorigen Propheten, wie der Heiland kommen wird. Man hofft aber nur auf den Messias, der vom äußeren Leid erlösen soll. Von der Last der Seele wollen sie nichts wissen. War da nicht ein Judamäa, der den weltlichen Messias predigt? Er — Daniel — hatte schwer dagegen angekämpft. Was darf jetzt gelten?
Er nimmt allen Mut zusammen — denn das Irdische schwingt in der Lichtschau mit —‚ geht hin zu jenem, der wiederholt schon mit ihm sprach und bittet: „Herr, willst du deinem kleinen Knecht das Bild erklären?“ Der Engel lächelt: „Ich bin nicht dein Herr, du nicht mein Knecht. Siehe hier, der Herrliche auf Seinem Stuhl, ER ist unser Herr und Vater ganz allein!
Er ist auch unser Gott, der Seine hohe Tagesliebe ausgesendet hat als ‚Ewige Erlösung‘ für den Fall, schon ‚wie ein Sohn zu sehen‘. Er ist der Hohe Priester, der uns segnet und mit Seiner Heilskraft stärkt. Er ist unser Schöpfer, der aus Seines Lebens UR-Grund uns erschuf. Wir alle sind Sein Volk, die Söhne und die Töchter. Merke aber weiter auf:
Die vier Tiere hattest du erkannt, geistig Zeiten, für eure Welt auch Völker, die kommen und verwehen, während eine Zeit die andere gebärt und als Zeit in der UR-Ewigkeit bestehen bleibt. Aber Gottes Reich wird von des Lichtes Kindern durch die ‚Kraft des Kreuzes‘ eingenommen — für die Armen, die es noch nicht haben. Denn wir — wie du ja siehst — leben schon im Reich vom Anfang an, da UR uns Seinen Odem gab, aus dem ATMA Seiner Schöpfer-Herrlichkeit.“
Geduldig wiederholt der Engel, was Daniel vom ersten Bilde merken sollte. „Nach des Gerichtes Ende ergänzt sich alle Schau; denn das Lichtreich ist und bleibt ein ewiger Bestand des UR! Was in und über diesem ist, das HEILIG, hält pur ER in Seiner Hand und wird niemand einen Anteil daran haben.“ „Warum denn nicht?“ fragt Daniel bescheiden. „Wenn wir Gottes Kinder sind und im Reich des Lichtes leben, dann müßten wir auch daran einen Anteil haben.“
„Gewiß; doch zwischen Licht und Licht gibt‘s einen Unterschied — nicht in seiner Wesensart. Gott hat den Lichtanteil zu unserm Heil beschattet.. Das urprimäre Licht kann kein Geschöpf ertragen, oder alle müßten selbst ein Schöpfer sein. Dann gäbe es kein Reich, wie es uns so wunderbar zuteil geworden ist.
Also ist, was wir erhalten, ‚unter‘ Gottes Himmel, Seinem Schutz und Schirm. Das sind Seine Rechte uns zum Recht, Seine Linke zur Versöhnung, der wir ebenso bedürfen, solang wir unsere Beihilfwege gehn. Ist das Gericht vorbei, sind die Abgeirrten heimgeführt, dann erhebt sich niemand wider IHN. Dann gibt‘s nur UR, den Herrlichen, Allmächtigen, und ein Kindervolk.“
„Wann — ?“ fragt Daniel. „Du hast das Bild erklärt; allein, ich sehe es wie einen fernen kleinen Stern in unmeßbarer Höhe, in der sich auch des Bildes Deutung zeigt. O Engel, wieviel Zeiten voller Qual und Jammer mögen noch vergehen, bis der ‚Stern des Heils‘ sich unserer armen Erdwelt nahen wird?“
„Die Welt kann‘s nicht errechnen, bis auf das sogenannte letzte Kommen, das man einst das ‚erste‘ nennt. Gottes Liebe als der Sohn ist das letzte Kommen, der letzte Ruf (Golgatha) an die Finsternis. ‚Kommen‘ bedeutet eine sonderliche Offenbarung, weil die Kinder auf dem Wanderweg sie brauchen, mit der die Abgeirrten angestoßen werden. Dieses eine Kommen als der Menschensohn währt dem sechsten Schöpfungstage gleich noch sechshundert Jahre. Du brauchst aber nicht zu zählen, ob ein Jahr mehr oder weniger werden wird. Das lasse GOTTES Sache sein!“
Im tiefen Schlaf sinkt Daniels Geist zur Welt herab. Die Sonne sendet ihren ersten Strahl, als er jäh erwacht. Beim sich Erheben taumelt er. Wie in eines Blitzes Bahn zieht Bild an Bild an ihm vorbei. Trotzdem spürt er deutlich, was er verkünden darf und was verborgen bleiben soll. Das Wort klingt in ihm nach: ‚Die Zeit für diese Welt ist noch nicht reif.‘
Es ist ein zweierlei Gesicht, das Daniels Getreue heute an ihm sehen. Die Augen leuchten wie in fernem Schein, überwältigend; sein Antlitz wirkt verschlossen, seltsam grau, und doch so freundlich forschend, wem er helfen könne. Das ‚große, heilige Gesicht‘, wie er selbst es nennt, treibt ihn förmlich hin und her. Da entschließt er sich, eine zeitlang in die Einsamkeit zu gehen.
Der Schloßwart muß ihm eine Tasche richten, wie für Bauern, wenn sie ein wenig Essen mit sich nehmen. „Ich habe eine kleine Reise vor; in dieser Zeit vertrittst du mich.“ „Fürst“, unterbricht der Meder, „willst du wie ein armer Bauer wandern und allein? Ich habe Darius es in die Hand gelobt, auf dich zu achten wie auf meine Augen. Willst du mir den Dienst erschweren?“ „O nein! Du hast als Meder viel vorn wahren Gottesglauben angenommen, und darum gebe ich dir einen Wink.
In dieser Nacht sah ich ein großes Bild von dieser, der nächsten und der fernen Zeit, und was alles werden wird. Um dieses richtig aufzunehmen, dazu brauche ich die Einsamkeit. Mein Gott — auch der deine —‚ der mir das Bild gegeben hat, Er ist mein Schutz.“ „Ich will dir alles richten, Herr. Was aber sage ich, wenn König Darius plötzlich nach dir fragt?“
„Er kommt aus Ahmetha nicht bald her. Inzwischen bin ich längst zurück.“ Der Wart schleppt einen Riesenkorb herbei. Daniel entnimmt erheitert aus dem Korb die Hälfte. „Bring‘ das deinen Kindern, die freuen sich, auch deine liebe Frau. Und nun habe acht, lasse Fremde nicht herein.“ — —
Daniel geht über einen Berg, durch ein Tal und einen andern Berg hinauf, ‘woselbst es viele Höhlen gibt. Er findet eine trockene und lebt da wie ein Eremit. Als Seher merkt er aber, daß nah und fern Bewacher stehen. Der Schloßwart sandte eine kleine, gut bewaffnete Schar ihm nach. Er hat den Männern eingeschärft, im Notfall, wäre ihr Fürst Daniel in Gefahr, sofort einzugreifen und „unsern guten Herrn zu schützen.“
Es ist wie bei Elia, dem die Männer bis zum Jordan folgten, als sie dessen Abschied ahnten. Für ihn gibt es noch keinen. Trotzdem wäre er gern fortgegangen, dorthin, wo der Himmel sich mit aller heilig-wunderbaren Gottesschau ihm offenbart. Vierzig Tage bleibt er in der Höhle. Er sieht dabei das Kommende: ‚auch wie eine Höhle als ein Stall, jene, aus welcher Melchisedek kam, um Abraham zu segnen‘. (2. Kön. 2, 7; 1. Mo. 14, 18)
Bild folgt auf Bild. Nur daß man auf die letzte Freude, auf das REICH, so lange warten soll, nach menschlichem Ermessen, das zehrt an ihm; und er vergißt sehr häufig, in den Korb zu langen und zu essen. In der letzten Nacht sieht er abermals ein Wundersames, und eine Stimme sagt:
„Daniel, stehe auf und geh‘ zurück. Was du wie in weiter Ferne siehst, das ist fest verwahrt. Das letzte Brot, gestern Abend aufgegessen, hattest du in deiner Hand. So nah und noch viel näher hat der Herr die ewige Erlösung allen Kindern längst bestellt. Freue dich, und sei nicht weltlich traurig, weil du es als Mensch nicht auf der Welt erleben kannst.
Das jenseitige Erleben ist das ewig Bleibende, ist unvergleichlich herrlicher und viel reicher, als was auf einer Welt geschieht. Eine jede Welt vergeht; dann müßte dabei auch die Herrlichkeit des Lichts vergehen. Das aber bleibt als URs heiliger Besitz, als Sein Kronschatz, aus dem Er Segen, Gnade, Liebe und die Seligkeit für alle Kinder schöpft.“
Das Wort verklingt, wie ein Hauch in stiller Nacht. Friedlich schlummert Daniel bis zum ersten Morgenrot. Vor der Höhle stößt er auf zwei Wächter. Sie entschuldigen sich. Der Seher sagt: „Getreue hat der Herrgott lieb. Ruft euere Kameraden; wir gehen jetzt ins Duraschloß zurück.“
NEUOFFENBARUNG