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275. Kapitel — Mahals unzerstörbare fünfhundertjährige Gebirgskleidung

[HGt.03_275,01] Als die königlichen Kleider herbeigeschafft waren und die Ankleidemeister und -meisterinnen dastanden, da trat der Gurat zum Mahal und ersuchte ihn, seine harte Gebirgskleidung mit der weichen königlichen zu vertauschen.

[HGt.03_275,02] Der Mahal aber gedachte hier seines Gottes und sprach: „Mein hoher Schwiegersohn! Siehe, ich habe ein hohes Alter und habe gar viele Könige in der Tiefe durch- und überlebt!

[HGt.03_275,03] Mein Bruder Noah kennt noch die Zeiten Lamechs, und ich habe den Uraniel gekannt, der dem Thubalkain gefolgt ist, und dann die eintausend Räte, und dann den Ohlad, der aus den Räten hervorgegangen ist und den Tempel Lamechs wieder eröffnet hat.

[HGt.03_275,04] Und siehe, dieses Kleid, das jetzt meine Blöße bedeckt, hat mir durch Jahrhunderte gedient und ist unzerstörbar; denn es ist noch mit der Wurfschütze gewebt worden, die Jehova den ersten Menschen dieser Erde gereicht hat! Welch ein Undank gegen Gott aber wäre das wohl, so ich das unzerstörbare Kleid, das meinen Leib beinahe fünfhundert Jahre vor Hitze und Kälte geschützt hat, nun ablegen und anziehen möchte dies weiche Königskleid!

[HGt.03_275,05] Siehe, dies Kleid ist nicht prunkisch und hat keinen Glanz; aber es ist dennoch köstlicher denn alle deine mit Gold und Edelsteinen verzierten Kleider! Denn alle deine Kleider schmutzen und müssen dann wieder gereinigt werden; dies mein Kleid aber, das nun gut vierhundert Jahre auf meinem Leibe hängt, schmutzt nie und hält dennoch den Leib rein.

[HGt.03_275,06] Darum werde ich nie ein Kleid anziehen, das da schmutzt, sondern werde bei dem verbleiben, das nicht nur nicht schmutzt, sondern dazu noch allen Schmutz des Leibes verzehrt und dem Leibe dadurch die dauerhafteste Gesundheit gibt!“

[HGt.03_275,07] Gurat erstaunte über diese Beharrlichkeit und wandte sich heimlich an die Agla und fragte sie, was da wohl zu machen sein werde.

[HGt.03_275,08] Diese aber sprach: „Laß ihm nur seinen Willen! Ich kenne ihn; was er heute nicht will, und man läßt ihm seinen Willen, das tut er am nächsten Tage! Er hält noch große Stücke auf den alten Gott; aber wenn es darauf ankommt, sich irgend zu sehr zu verleugnen, da kann er schon auch sündigen wie wir!

[HGt.03_275,09] Rede jedoch heute nichts mehr vom Überkleiden, sonst wirst du ihn willensstarr machen; aber am Abende lege die weißen Kleider in sein Schlafgemach, und er wird sie morgen selbst anziehen, wennschon nicht pur, so doch über sein unverwüstliches Kleid!“

[HGt.03_275,10] Darauf fragte der Gurat ebenfalls insgeheim, ob das alles wahr sei, was ihr Vater da von seinem rätselhaft langen Leben und seinem Kleide geredet habe.

[HGt.03_275,11] Und die Agla sprach: „Das kannst du ihm aufs Wort glauben; denn er war ja schon beinahe vierhundert Jahre alt, als er sich ein Weib nahm! Und an uns, seinen Kindern, kannst du es klar merken, da wir doch alle schon euer Greisenalter haben und haben dabei aber doch das Aussehen, als wären wir in eurem zartesten Jünglingsalter noch!“

[HGt.03_275,12] „Ja“, sprach der Gurat, „das ist wahr; jetzt glaube ich! Das ist aber im Ernste wunderbar! Sollte aber das wohl dies Kleid bewirken?“

[HGt.03_275,13] Und die Agla sprach: „Das bewirkt allein der alte Gott, der der alleinige Gott ist und keinen andern außer Sich ewig hat! – Doch nun nichts mehr weiter; denn die Mahlzeit ist da! Morgen aber sollst du erst deine Agla von der wahren Seite kennenlernen! Und so gehen wir nun in den Speisesaal!“

276. Kapitel — Mahal und die Seinen an der königlichen Tafel. Mahals Frage nach Waltar. Aglas Ausflüchte. Die Einmauerung des Hauptes Waltars. Mahal in königlichen Kleidern

[HGt.03_276,01] Darauf begab sich die ganze Gesellschaft zur Tafel, die mit den kostbarsten Speisen besetzt war, von denen aber jedoch der Mahal wenig genoß; denn sein Gaumen war an derlei Leckereien nicht gewöhnt, und noch weniger sein gesunder Gebirgsmagen.

[HGt.03_276,02] Aber desto besser ließen sich’s die Pira und Gella schmecken; denn die trieb die Neugierde dazu an, eine jede Speise wenigstens zu verkosten, wennschon nicht in größeren Portionen zu verschlingen.

[HGt.03_276,03] Nach der Mahlzeit unterhielt man sich von gleichgültigen Dingen und vertrieb sich die Zeit mit süßem Nichtstun.

[HGt.03_276,04] Nur der Mahal fragte ein paarmal die Agla nach Waltar, erhielt aber stets eine ausweichende Antwort und wußte darob nicht, wie er daran war.

[HGt.03_276,05] Die Agla aber sandte insgeheim mehrere ihrer Diener in den Garten mit dem Auftrage, das Haupt Waltars zu verbergen, und zwar durch eine Einmauerung in eine Gartenmauernische, da dieser Garten am abseitigsten war, und das bei Todesstrafe unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit.

[HGt.03_276,06] Dieser Befehl wurde auch bis an den nächsten Morgen pünktlichst vollzogen; denn die dafür beorderten Diener der Agla sprachen unter sich: „Hier heißt es genau gehorchen; denn hat sie ihres eigenen Bruders nicht geschont, da würde sie unser noch weniger schonen! Daher heißt es schweigen!“

[HGt.03_276,07] Als am nächsten Tage morgens die Arbeiter zurückkamen, da zeigten sie der Agla sogleich alles an, wie und wohin sie das Haupt Waltars verborgen hatten.

[HGt.03_276,08] Und die Agla belohnte sie, und gab ihnen noch einmal das Gebot, zu schweigen, sogar vor dem Könige und vor dem General und vor dem Drohuit.

[HGt.03_276,09] Und die Diener gelobten solches alles auf das heiligste und gingen dann ihres Weges.

[HGt.03_276,10] Als aber die Hauptgesellschaft wieder im Hauptsaale des Königs zusammenkam, da vermißte man den Mahal.

[HGt.03_276,11] Man ging sogleich nachzusehen, wohin er etwa seine Sinne gewendet hätte, daß er nicht zum Vorscheine käme.

[HGt.03_276,12] Als man sein Gemach betrat, da fand man ihn beschäftigt, wie er gerade über sein unverwüstliches Kleid die Königskleider anprobierte.

[HGt.03_276,13] Man belobte ihn darum und zog ihn dann bald unter tausend Schmeicheleien in den Hauptsaal, allwo schon ein gutes Frühstück bereitet dastand.

[HGt.03_276,14] Und so war an diesem nächsten Tage schon die ganze Familie aus der Höhe in königlichen Kleidern und gefiel sich sehr darinnen.

[HGt.03_276,15] Was weiter, – in der Folge!

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